Offener Brief an Ralph Giordano

September 9, 2007

„Dummheit ist auch
eine bestimmte Art,
den Verstand zu gebrauchen.“
(Verfasser unbekannt)

Ein Weiser soll die Dummheit
eines gemeinen Menschen nicht
mit Nachsicht hingehen lassen, denn
es bringt auf beiden Seiten Schaden;
das Ansehn jenes wird verringert,
und die Torheit dieses wird verstärkt.
Saadi, Der Rosengarten

Sehr geehrter Ralph Giordano,

in einem in der Zeitschrift „Das Parlament“ veröffentlichten Essay mit dem Titel „Die Internationale der Einäugigen“ schreiben Sie, dass Sie sich in den 50iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der Kommunistischen Partei Deutschlands verabschiedet haben, um “auf beiden Augen sehen zu können“. Sie wollten weder auf dem rechten Auge noch auf dem linken Auge erblinden.

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Offener Brief an Günter Wallraff

August 24, 2007

Sehr geehrter Herr Wallraff,

in den vergangenen Tagen werden Sie in verschiedenen Medien mit Ihrem Vorschlag einer Lesung des Buches „Die Satanischen Verse“ von Herrn/Sir Salman Rushdie in der noch zu bauenden(!) Moschee des Kölner Stadtteils Ehrenfels zitiert. Zuletzt warben Sie am 09. Juli dieses Jahres im Deutschlandfunk im Rahmen einer Diskussionssendung für Ihren freigeistigen Geniestreich.

Offensichtlich möchten Sie Muslime einem weiteren (un-)sinnigen Toleranztest unterziehen, ganz im Duktus der Gesinnungsprüfungen, die in einigen Bundesländern herangezogen werden, um die Leitkulturelle Treue von Muslimen festzustellen.
Sicherlich kann Ihnen eine derartige Überprüfung gelebter religiöser Toleranz von Muslimen zugestanden werden, allerdings ist es mir als ein in Deutschland geborener und lebender Muslim gleichermaßen erlaubt Ihre Forderung in dieser selektiven Form als eine Form billiger anti-muslimischer Polemik entschieden zurückzuweisen.

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Zentralrat der Ex-Muslime in Berlin gegründet – Ein Kommentar

März 1, 2007

In diesem Land gründete sich am 28.02.2007 ein „Zentralrat der Ex-Muslime“, diese Möglichkeit gibt es in einem Rechtsstaat, und das ist auch gut so.Dennoch muss man sich über die Aussagen von Frau Azadi und ihren KollegInnen wundern, versucht sie doch ihre Organisation als einen alternativen Vertreter der hier lebenden 3,5 Millionen Muslime zu propagieren.
Auf einer Pressekonferenz in Berlin stellt die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Frau Arzu Toker fest, dass ihr gerade gegründete Verein „2.990.000 Muslime der Bundesrepublik Deutschland“ vertrete. Ob diese das wissen, vielleicht gutheißen oder in Frage stellen und welche empirische Studie dieser Zahl zugrunde liegt, diese Information bleibt Frau Toker der Öffentlichkeit schuldig!
Ex-Muslime, also Personen, die dem Islam öffentlich abgeschworen haben und nichts mehr damit zu tun möchten, sogar ihre Namen ändern, sozusagen entmuslimisieren, wollen Interessen von Muslimen wahrnehmen.

Wie bitte?????????

Liebe ex-christliche und ex-jüdische Atheisten der Republik, wann beginnt ihr endlich das Christentum bzw. Judentum zu vertreten?
Liebe ex-Kirchenmitglieder, wann fangt ihr an die katholische und evangelische Kirche zu vertreten?
Liebe ex-Partei Mitglieder dieser Republik, wann beginnt ihr endlich eure ehemaligen Parteien zu vertreten? Oder noch besser, wann beginnt die CDU die Grünen, die CSU die PDS und die FDP die SPD vertreten.
Liebes Nachrichtenmagazin „Spiegel“, wann lassen Sie Ihre Interessen endlich durch den „Focus“ vertreten?
Liebe Tageszeitung „TAZ“, wann lassen Sie Ihre Interessen endlich durch den „Axel Springer Verlag“ vertreten?
Jeder vertritt jeden, welch wunderbarer anarchistischer Kuddel-Muddel-Pluralismus, das fehlte dieser Republik zur ewigen entmuslimisierten (?) leitkulturellen Glückseligkeit!

Springe, 01.03.2007


Eine Anmerkung zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preis an Henryk M.Broder

Februar 1, 2007

Henryk M.Broder erhält den diesjährigen Ludwig-Börne-Preis. Der Juror des Preises, der Chefredakteur des Magazins „Focus“ Helmut Markwort, begründet seine Entscheidung für Broder mit dessem, in seinen Augen vorhandenen, freiem Geist, Leidenschaftlichkeit, Feurigkeit, Polemik, seiner Unabhängigkeit aber vor allem seiner Rücksichtslosigkeit in Sachen „political correctness“.

Helmut Markworts Begründung klingt ein bißchen wehleidig, sogar etwas neiderfüllt, kann sich Henryk M.Broder doch all das erlauben, was ein Markwort sich auch gerne erlauben möchte. Broder lässt die „Sau raus“, wann immer er will, wo immer er will, gegen wen auch immer, mit markigen Worten, aber macht ihn das, wie Helmut Markwort behauptet, zu einem Juda Löw Baruch, genannt Ludwig Börne, von heute?

Liest man das schöne Essay von Ludwig Börne mit dem Titel „Was mich betrifft“ aus dem Jahr 1819, wird man sehr schnell feststellen, dass zwischen einem Börne und einem Broder Welten liegen, denn Börne hatte u.a. die Gabe, sich selbst nicht allzu Ernst zu nehmen.

Der folgende Auszug aus dem o.g. Essay beweist dies in wunderbarer Weise:

„Ich und der Zensor der freien Stadt Frankfurt (nur des Wohllautes wegen nenne ich mich zuerst) sehen uns ganz verdutzt an und sind erstaunt, dass wir schon seit länger als sechs Wochen Ruhm haben und parallel der Unsterblichkeit zulaufen. Die Zeitungen aller Länder erwähnen unserer Namen. Es ist ganz vergebens, wenn wir sagen: wir sind gar nicht wert, dass man von uns spreche; Europa glaubt’s nicht und meint: hier wäre die Bescheidenheit doch wirklich ein wenig zu weit getrieben. Als Leuten von Ton bleibt uns nun nichts anderes übrig, als die neueste Torheit der Welt mitzumachen und an unserer eigenen Wichtigkeit so wenig als möglich zu zweifeln. Der Umstand, dass wir Feinde haben, beweist klar genug, dass wir Verdienste besitzen. Wir hoffen aber, Erstere mit Letzteren zu schlagen.“

(Quelle: http://www.ludwig-boerne.de/ueberetwas.html)

Börne amüsiert sich über die Ernsthaftigkeit mit der er wahr genommen wird, er ist in der Lage über sich selbst zu lachen, eine wunderbare menschliche Tugend, aber besitzt ein Broder diese Qualität?

Besucht man seinen heutigen Internetauftritt, so sieht man auf dem „Foto des Tages“, einen dunkel gekleideten, Sonnenbrillen tragenden Henryk M. Broder, „Dirty Henryk“, der in seiner rechten Hand einen gewaltigen Colt trägt.

Versucht Broder hier dem Namensgeber seines Preises nahe zu kommen?

Vordergründig vielleicht, aber betrachtet man das Bild genauer, so liest man auf dem dem überlangen Revolverlauf den Schriftzug „Raging Hornet“, die wilde Hornisse, eine Beschreibung, die schon besser zu Broder passt. Der Volksmund verweist, wenn auch etwas unberechtigt wie die Wissenschaft uns beweist, auf die fatalen Folgen des Stiches einer wilden Hornisse („7 Stiche ein Pferd, 3 Stiche ein Mensch“) und wild und tief zu stechen, dies ist die eigentliche Bestimmung eines Henryk M. Broder.

Insofern ist die Verleihung des mit 20.000 Euro dotierten Preises verwegen, denn die verbale Geschliffenheit eines Ludwig Börne ist mit dem schmähkritischen Stil eines Henryk M. Broder schwer in Einklang zu bringen. Doch der heutige Zeitgeist wird von Undifferenzierung, Unwissen und Gewissenlosigkeit geprägt, Elemente, die auch das aktuelle Brodersche Schaffen prägen.

Dafür hätte Broder einen Zeitgeist-Preis verdient, denn um diese Qualitäten im Umgang mit Menschen und Problemen unserer Zeit hat er sich tatsächlich verdient gemacht.

Dies kann oder will ein auf die Verheißungen einer „political correctness“- freien Welt fokussierter Chefredakteur so nicht sehen wollen, öffnet ein Broder mit seinem Wirken doch die Tore, die man selbst gerne niederreißen und durchschreiten will.

Ludwig Börne wird folgender Satz zugeschrieben:

„Will man einen Menschen kennen lernen, dann sehe man nur, wie er sich benimmt, wenn er Geschenke annimmt oder gibt.“

Am 24. Juni dieses Jahres wird der Preis an H.M.Broder verliehen, man sollte an diesem Tag das Verhalten von Henryk M.Broder bei der Preisvergabe vielleicht einmal von dieser Warte in Augenschein nehmen.

Vielleicht erkennt mancher dann sein wahres „Ich“. Dem gemeinschaftlichen Zusammenleben Menschen unterschiedlichster Herkunft in diesem Land täte es besonders gut, wenn die Broders dieser Welt nicht zu Ikonen des freien Wortes stilisiert werden! /p>

(s. a. :http://www.zeit.de/news/artikel/2007/01/31/90390.xml)


Moscheen und ihre Verantwortung in Europa

Januar 31, 2007

Moscheen nehmen, ohne Zweifel, im Leben eines Muslims eine herausragende Rolle ein. Besonders in einer mehrheitlich nicht-muslimischen Umgebung stellen sie ein Stück geistiger „Heimat“ und selbstbewusster Integration dar, umso betrüblicher, dass dem Bau von Moscheen in Europa fast immer mit ablehnenden Bürgerinitiativen begegnet wird.

Moscheen sind weder Rekrutierungszentren für Terroristen, auch wenn Massenmedien dies in regelmäßigen Abständen zu vermitteln suchen, noch sind sie Erfüllungsgehilfen staatlicher Sicherheitsorgane, auch wenn manche Politiker das wünschen.
Moscheen existieren aber auch genau in diesem Spannungsfeld und dieses Spannungsfeld sollte von Verantwortlichen in den Moscheen als positive Herausforderung verstanden werden.

Zurzeit erleben Muslime in Europa, die regelmäßig eine Moschee zum gemeinschaftlichen Freitagsgebet aufsuchen, dass viele Prediger sich aktueller politischer Themen nicht annehmen, sich sozusagen einer Realität verweigern, weil sie befürchten vom Verfassungsschutzorganen behelligt werden zu können, oder aber sich der Realität in der Form einer extremen Reaktion annehmen, die nicht nur ungesetzlich, sondern auch unislamisch (!) ist.

Muslime sind, angesichts des öffentlichen Umganges mit ihnen größtenteils verschreckt, und diese Verängstigung erschwert Muslimen im Gegenzug den Umgang und die Auseinandersetzung mit Themen unserer Zeit.

Die Stärkung des Intellekts ist in der Tat eine originär islamische Aufgabe, aller aktueller Verzerrungen zum Trotz. Hier geht es nicht um die Suche eines Mittelweges zwischen Esoterik und Ideologie, auch nicht um „political correctness“, da diese Erscheinungen einem schnelllebigen Zeitgeist unterliegen, sondern es muss nach einer „Islamic Correctness“, nach einer Islamischen bzw. Muslimischen Aufrichtigkeit gesucht werden.

Diese „Islamische Aufrichtigkeit“ setzt voraus, dass in der Sprache des Aufenthaltsortes, Ton und Vokabular gefunden werden, die Muslimen den kritischen, selbstbewussten Umgang mit Fragen der Zeit ermöglichen.

An diesem Punkt versagen die meisten Moscheen. Wenige Prediger in Europa sehen sich in der Lage, das Land indem sie leben als „ihr“ Land anzunehmen, geschweige denn auf existierende politische und gesellschaftliche Sensibilitäten, auch im Bezug auf den Konflikt im Nahen Osten, Rücksicht zu nehmen, und auf diese in angemessener Weise und in der jeweiligen Landessprache (!) einzugehen.

Weder der Rückzug ins Private noch das Aufspringen auf den Zug des Extremismus, weder eine Existenz in Abschottung bar jeder Bezugnahme zur Realität noch die unqualifizierte Auseinandersetzung mit politischen Fehlentwicklungen, werden Muslimisches Leben hier in Europa in Normalität möglich machen.

Nur die (selbst-)kritische Loyalität nach Innen, in den Muslimischen Teil der Gesellschaft hinein, wie auch nach Außen in den mehrheitlich nichtmuslimischen Teil der Gesellschaft hinein, werden Muslimischen Positionen als konstruktiven Beitrag im gesamtgesellschaftlichen Interesse Gehör verschaffen.

Eine auf anerkannte Islamische Lehrpositionen basierende nach Innen gerichtete Selbstkritik, die sich jenseits ethnischer Affinitäten der politischen und gesellschaftlichen Sachverhalte annimmt, wird erzieherisch wirken können, wird Sprach- und Kritikvermögen entwickeln können, und wird schlussendlich in die Mehrheitsgesellschaft hineinwirken können.

Erste Schritte in diese Richtung, auch hinsichtlich einer Sprachentwicklung, die in der Lage ist Fachbegriffe des Islam korrekt zu artikulieren, wären

  • das Angebot einer Predigt in der jeweiligen Landessprache einmal im Monat in jeder Moschee, nicht als Reaktion auf dumpfe Forderungen aus bestimmten politischen Ecken, sondern als Angebot an eine neue Generation von Muslimen, die sich nur bedingt in der Sprache ihrer Eltern heimisch fühlen.
  • das selbstverständliche Angebot einer professionellen Übersetzung von Freitagspredigten in die jeweilige Landessprache.
  • das reguläre Angebot eines Gesprächskreises an Wochenenden, um Themen der Zeit in der jeweiligen Landessprache zu diskutieren.

Die Ratlosigkeit vieler Muslime angesichts des öffentlichen und politischen Umganges mit ihnen und dem Islam drückt sich auch in einer Sprachlosigkeit von Muslimen aus. Viele Muslime in Europa haben sich einer Art verbaler Legasthenie ergeben, diese Artikulationsschwäche muss abgebaut werden und auch an diesem Punkt haben viele Moscheen große Versäumnisse aufzuweisen, die rasch aufgearbeitet werden müssen.

Die Verantwortlichen in den Moscheen müssen begreifen, dass nach mehr als 40 Jahren der stetig wachsenden muslimischen Präsenz in Europäischen Union, ihre Einrichtungen mehr anzubieten haben als Pflege der „heimatlichen“ Kultur, wenn sie junge, in Europa sozialisierte und beheimatete Muslime erreichen wollen. Europa ist für Muslime und den Islam ebenso Heimat, wie jeder andere Ort dieser Welt auch, denn keine der abrahamitischen Religionen ist geographischen Grenzen unterworfen. Schwerpunktregionen ja, Aus-Grenzungen nein!

Moscheen sind in der Tradition des Islams Orte der Lehre, der Auseinandersetzung, der Freude, der Trauer, der Zusammenkunft und noch vieles anderes mehr.

Moscheen müssen gerade hier in Europa für Muslime die außerhalb der so genannten „Muslimischen Welt“ Halt suchen, einen Ankerplatz darstellen, aber dazu gehört, dass man den Ort an dem man sich befindet, auch als Heimathafen versteht.

Moscheen müssen sich für eine „Islamische Aufrichtigkeit „ einsetzen, und zwar mit aller Konsequenz, getreu dem Gedanken im Islam zuhause zu sein und in der Welt daheim, in Zeiten der Globalisierung eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die mit einem neuzeitlichen Verständigkeit von „Ummah“, der Gemeinschaft der Verantwortlichen(!) Gläubigen, gut in Einklang zu bringen ist.

Moscheen müssen nicht nur durch ihre „Mihrab“ den Muslimen die Gebetsrichtung aufzeigen, sondern auch die „Mimbar“ konstruktiv, beherzt und mutig nutzen, um Muslimen im Leben in der europäischen Heimat eine Richtschnur zu geben. Ein pluralistischer, demokratisch organisierter Rechtsstaat hält dies nicht nur aus, er stellt auch Muslimen den Artikulationsraum zur freien Verfügung.

Moscheen sollten diesen Freiraum im Eigeninteresse der Muslime und im Interesse der Gesellschaft in der sie leben leidenschaftlich nutzen!