Über die Schwierigkeiten ein Seminar in Kabul/Afghanistan zum Thema “Selbstmordattentate aus Islamologischer Sicht” durchzuführen.
Der unscheinbare Kämpfer!
Der Islamgelehrte Maulawi Khumaro ist ein älterer Herr von fast 75 Jahren. Auf seinem Kopf trägt er einen sauber gebundenen Turban, der in mehreren, flachen Lagen um eine kleine blau-weiss gestickte Mütze gewickelt ist. Das hagere Gesicht wird von einem dünnen, länglichen und schneeweißen Bart eingerahmt.
Sein bis zu den Fußknöcheln reichender, beigefarbener Mantel mit Stehkragen, den er trotz des warmen Wetters bis zum Halsansatz zugeknöpft trägt, kann den schmächtigen Körperbau des Gelehrten nur dürftig kaschieren. Spätestens bei der Begrüßung, die landesüblich immer von einer Umarmung begleitet ist, nimmt man den von lebenslanger Askese geformten dürren Körper wahr.
Maulawi Khumaro wirkt nicht nur auf den ersten Blick unscheinbar. Man sieht ihm an, dass er ungern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Seinen Namen „Khumaro“ traegt er zu Recht, denn in die deutsche Sprache übersetzt bedeutet sein Name „ruhig“, und tatsächlich er ist die Ruhe in Person.
Doch, wenn die Sprache auf die Lehren des Islams kommt, dann erkennt man den Gelehrten, der leidenschaftlich, energisch und hellwach für ein Verständnis des Islams eintritt, dass sehr weit von dem extremistischen Gedankengut manch selbst ernannter Islamologen vom Schlage eines Mullah Omar, Mullah Dadullah Aiman Al-Sawahiri, des Chefideologen von Al-Qaida, entfernt ist.
In Afghanistan beschreibt man weit auseinanderliegende Standpunkte auch gerne mit dem Satz „Ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde“. Diesem Sprichwort fühlt sich dieser unscheinbare Mann, der sich unablässig gegen die unzulässigen und unqualifizierten Interpretationen des Islam ausspricht, verpflichtet.
Seit über einem Jahr setzt er sich sich intensiv mit der Ideologie des Selbstmordattentates auseinander. Jede freie Minute seiner knapp bemessenen Zeit, denn „hauptberuflich“ engagiert er sich in der unabhängigen Friedenskommission von Afghanistan, widmet er der geistigen Auseinandersetzung mit diesem Thema.
Er vermerkt die Ergebnisse seiner Studien penibel in einem kleinen, blauen DIN A 5 großen Heft, dass er in der Innentasche seines Mantels trägt. In dieses kleine Büchlein hat er mittlerweile unzählige Zitate aus dem Koran und der Sammlung der authentischen prophetischen Überlieferungen eingetragen, und er kommt zum Schluss:
Das Selbstmordattentat verstösst gegen alle Grundsätze des Islams.Der Islam ist in seiner Ablehnung des Selbstmordes kategorisch und eindeutig, darüber kann man gar nicht diskutieren, weil die Islamologie in ihrer Eindeutigkeit zu diesem Thema überhaupt keinen Raum für eine derartige Diskussion zulässt. Jeder, der das Gegenteil behauptet , kann aus den Quellen des Islams eine Rechtfertigung fuer das Selbstmordattentat nicht herleiten. Absurde gegenteilige Behauptungen von Verfechtern des Selbstmordattentates als eine mit dem Islam vereinbare kriegerische Taktik stellen nicht mehr als persönliche Hirngespinste dar.
Das Selbstmordattentat ist ein Verbrechen gegen den Islam!
Maulawi Khumaro spricht diese Worte voller Überzeugung, und es ist ihm wichtig darauf hinzuweisen, dass diese Einsicht nicht das Ergebnis persönlicher Reflektionen darstellt, sondern kristallklarer Ausdruck der Islamischen Lehre ist, und dies seit 14 Jahrhunderten.
Dieser Gelehrte befindet sich nicht in Europa, in Deutschland, wo das Recht auf das freie Wort ein hohes Gut darstellt. In einem Land wie Afghanistan, eine derartige Position in der Öffentlichkeit zu vertreten, kann lebensgefährlich sein. Nur noch wenige Islamologen von Rang und Namen trauen sich, derartig offen gegen die Prediger der Selbstmord-Ideologie Stellung zu beziehen.
Verfasst von M. Belal El-Mogaddedi