Geschrieben während eines Fluges von Kabul nach Herat im September 2008, in Erinnerung an die unschuldigen Opfer eines verbrecherischen, unsinnigen, dummen und sein angebliches Ziel verfehlenden Krieges.
(Veröffentlicht am heutigen Tag, und den unschuldigen Opfern des Krieges gegen Gaza gewidmet)
Weine nicht Afghanistan!
Afghanistan, was ist mit dir geschehen, gekommen bin ich, um deine Blüte aus der Nähe zu sehen.
Doch wohin ich blicke erschließt sich mir nur Leid, Elend, Entbehrung und Not, aus den von Blut durchtränkten Boeden von Helmand, Ningarhar, Nuristan und Herat steigt er wieder auf, dieser entsetzliche Geruch von Verwüstung, Verwesung und Tod.
Einst blühten hier die Tulpen zu Frühlingsbeginn, doch seit dem Einmarsch der Fremden blühen die sündigen Blumen, die dem Leben rauben den Duft, die Schönheit und sogar den Sinn.
Auf den Gräbern von Märtyrern stehen Paläste aus Marmor und Gold wie zum Hohn, doch weiß ich, dass sie gebaut sind auf Pfählen aus brüchigen Ton,und dafür niemand opferte Vater, Tochter, Mutter und Sohn.
Ihr Fremden, die ihr glaubt,
das eine Allianz mit einem falschen, verlogenen Baron,
wird euch bescheren in Afghanistan einen sicheren Thron,
Seht ihr nicht, dass euer blindes Streben nach noch mehr Macht,mein Leid geprüftes Volk hat um sein Recht auf Lebensglück gebracht!
Weine nicht Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht trocknen kann!
Einen Präsidenten, als unseren Hoffnungsträger haben wir auserwählt, auf dass unsere Heimat einer friedvollen Zukunft entgegen geht.
Wenn Fremde in unserem Land zu Tode kamen,zu Recht hat er ausgesprochen sein Mitleid in unserem Namen,doch selten er seine Stimme erhebt,wenn durch seiner Freunde Hand die afghanische Erde erbebt, und unsere Toten, sie bleiben ungezählt.
Gewählt wurde er, um uns Frieden und ein Leben in Sicherheit zu bringen,aber wird ihm jetzt das Kunststück gelingen,seine Gegner an der Urne ein zweites Mal zu bezwingen?
Nicht nur meine Stimme für sich, müsste er wohl mit Gewalt erzwingen.
Weine nicht Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht trocknen kann!
Im Saal des Volkes machen sich die mörderischen Proleten von gestern breit,
Ihre von Blut triefende Hand, jetzt versteckt und verkleidet im neuen Gewand, doch ich sehe ihre Spuren im ganzen Land.
Mit ihren Feinden von gestern sitzen sie nun Seit and Seit,
Kaum einer begehrt auf gegen diese Ungerechtigkeit.
Nun sind sie eins mit dem heiligen Zelot,
der selbst verstoßen hat gegen jedes göttliche Gebot,
der brutal geknickt die am Wasser blühende Rose,
angewidert wende ich mich ab von ihrer erhabenen Pose.
Das feine Tuch der Demokratie sie beide jetzt angezogen,
Doch diese Wendehälse, sie bleiben verlogen.
Weine nicht Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht trocknen kann!
Ihr Freunde Afghanistans, gekommen seid ihr aus Nah und Fern,
willkommen geheißen haben wir euch gern,
Geöffnet haben wir für euch unsere Tore und Herzen,
weil der Wind des Krieges in unserem Land hat ausgelöscht zu viele Lebenskerzen.
Doch jetzt tretet ihr ein unsere Türen mit tödlicher Gewalt,
ohne jeglichen Respekt für die Gefühle von Jung oder Alt.
In eure illegalen Verliese verschleppt ihr Menschen ohne Grund,
behandelt dort ein Kind dieses Landes schlimmer als einen räudigen Hund.
In Erinnerung sei euch gerufen, dass all die das Volk der Afghanen haben geschunden,
letztendlich zugrunde gingen an ihren eigenen, tödlichen Wunden.
Als Gäste seid ihr immer willkommen,das Gastrecht sei auch euch weiterhin unbenommen,
doch schaut auf die Spuren eurer Vorgänger in diesem Land,und wisset,
mit der Besetzung von Afghanenland, niemand sein Glück und seinen Frieden hier fand.
Weine nicht Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht trocknen kann!
Als angebliche Freunde Afghanistans ihr den Weg habt in unser Land gesucht,
doch seit geraumer Zeit, und nicht erst seit Asisabad, von vielen Menschen ihr werdet verflucht.
Schon einmal verlor hier eine verhasste Weltmacht all ihren Prunk und Glanz,
stolperte in ihr Unglück, weil gefangen in selbstherrlicher, selbstgerechter Arroganz.
Asisabad, Asisabad, vollbracht habt ihr hier eine schändliche und grauenvolle Tat,
gekommen seid ihr in dunkelster Nacht,
und aus Angst um euer eigenes Leben die Suche nach Wahrheit habt ihr gelassen außer Acht.
Über Stunden habt ihr bombardiert den kleinen Ort,doch was ihr suchtet befand
und befindet sich nicht dort,
befand und befindet sich nicht dort!
Weine nicht Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht trocknen kann!
Gefürchtet habt ihr um euer eigenes Leben so sehr,
dass geschützt in euren Panzern und Bombern, ihr nicht gewagt zu überprüfen die Taliban-Mär.
Nicht das erste Mal ihr habt euch verhalten so feige,
unsere Geduld mit euch geht jetzt endgültig zur Neige.
Neunzig Männer, Frauen und Kinder durch eure Feigheit fanden den Tod,
verzweifelte Mütter umklammerten vergeblich zum Schutz ihre Kinder,
in der Stunde ihrer größten Not.
Bestattet haben wir, was eure Bomben übrig ließen,
die Freiheit, die Ihr uns bringen wolltet,
wir haben vor langem aufgehört, sie zu genießen.
Asisabad, Asisabad, ich weiß nicht wann, ich meiner Erinnerung diesen Namen wieder entreißen kann,
das Geschichtsbuch von morgen uns wird zeigen,
ob vielleicht hier begann euer endgültiger, selbstverschuldeter Niedergang.
Weine nicht Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht trocknen kann!
Eure Toten haltet ihr zu Recht in Ehren,
unseren Toten aber wollt ihr eure Anerkennung verwehren,
doch solltet ihr niemals vergessen, dass auch wir die uns zugefügten blutigen, unschuldigen Verluste,
euch gleich, mit den selben menschlichen Maßstäben messen.
Salz auf unsere tiefen Wunden ihr streut,weil keiner von euch dieses sinnlose Morden bereut.
Den Feind getötet zu haben, das wollt ihr euch und der Welt machen weis,
doch in den frisch aufgeschütteten Gräbern, ruht ein anderer, ein unschuldiger Preis.
Seht Ihr nicht, dass die Verbreitung eurer Unwahrheiten,
noch weiter verstärken unser seelisches Leiden,
Versteht ihr nicht, dass eure Lügenmeister,
mit jeder Lüge wieder zum Leben erwecken,
längst tot geglaubte, vergangene Geister!
Weine nicht Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht trocknen kann!
Nein, ich nicht aufgeben will und kann,die Hoffnung für mein geliebtes Afghanistan,
doch noch zu schaffen die Wende zum Guten,
damit die Dunkelheit der Ignoranz nicht ein zweites Mal wird dieses Land überfluten.
Deshalb, in Erinnerung sei euch gerufen der warnende Gesang,
des von uns Afghanen so verehrten Ustad Sarahang*.
Euren Vorgängern das Lesen zwischen diesen Zeilen er empfahl, damit das Leben nicht für sie und für uns wird zur Qual:
„Das für das Volk gelegte Fundament ist kurz davor hinabzugleiten,
das für das Volk gelegte Fundament ist kurz davor hinabzugleiten.
Es wäre zu viel erwartet, dass uns dieses Fundament wird auf eine gerade Bahn in die Zukunft geleiten.
Mein lieber Freund, ich habe mit dir noch etwas zu klären, das Gespräch sollst du mir nicht verwehren, nimm dir doch Zeit und setz dich mit mir nieder, voller Schmerz sind mein Herz und meine Glieder, denn die Hoffnung, die ich einst in dich gesetzt,hast du geschlagen nieder.„
Respekt sei dir gezollt Bedil *, Verfasser von diesem Gedicht,für dein kluges Wort,
deine Wahrheitsliebe und deine menschliche Sicht,
und gepriesen seiest du oh Herr, dass du hast erfüllt das Herz von Sarahang* mit großer Weisheit
und klarem Licht,
um zu erkennen bei Bedil* diese Verse in ihrem bedeutungsvollen Gewicht.
Weine nicht Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht trocknen kann!
Oh Herr, gewähre mir in diesem Leben eine weitere Reise nach Afghanistan, Gewähre mir in diesem Leben eine weitere Reise nach Afghanistan, auf dass ich endlich Schönes aus diesem Land berichten kann.
Oh Herr, schenke mir die Ausdauer und Kraft bald zu schreiben ein anderes Gedicht, ein Gedicht voller Lebensfreude und Zuversicht,aber keines wie dieses, das voller Trauer und unterdrückter Tränen ist!
Oh Herr, bewahre die Verzweifelten dieses Landes vor der Hingabe zum Bösen,
denn diese wird unsere Probleme wahrhaftig nicht lösen,
schafft sie letztendlich doch nur weiteres Leid,
und noch größere Hoffnungslosigkeit!
Oh Herr, lass endlich verstummen in diesem Land die von Trauer erfüllten Klagelieder,
die ich habe gehört auf dieser Reise, wieder und wieder!
Oh Herr, halte die des Lebens müden, auch verzweifelten,
jungen Männer dieses wundervollen Landes davon ab,
sich zu sprengen in religiöser Verblendung,
in ein sinnloses und zur Hölle weisendes Grab!
Oh Herr, lass die wahren Freunde Afghanistans über die Schwellen des Hindukusch zu uns gleiten,
auf das wir mit ihnen, auf Augenhöhe unsere gemeinsame Zukunft bestreiten!
Oh Herr, meine Tage und Nächte sind erfüllt mit Tränen,
die Freude am Leben so fern von mir zu wähnen.
Oh Herr, die Freude am Leben soll wieder zurückkehren zu mir,
und auch kräftig pochen an jedes afghanische Tor und jede Tür!
Oh Herr, Die Freude am Leben soll wieder zurückkehren zu mir,
so wie auch ich zu ihr, so wie auch ich zu ihr!
Weine nicht Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht trocknen kann!
Bitte, weine nicht mehr Afghanistan, weil ich deine Tränen nicht mehr ertragen kann!
Anmerkungen:
*Abdul Qader „Bedil“, großer afghanischer Dichter des 17. Jahrhundert
*Sarahang, verstorbener afghanischer Meistersänger klassischer afghanischer Musik und großer Verehrer von Bedil