Offener Brief an „Aktion Deutschland Hilft“

Offener Brief
An

Aktion Deutschland Hilft e.V.
Kaiser-Friedrich-Straße 13
53113 Bonn

Sehr geehrte Damen und Herren,
die Aktion Deutschland Hilft e.V. (ADH) wurde im Jahr 2001 von zehn renommierten deutschen Hilfsorganisationen gegründet, um im Falle großer Katastrophen schnelle und effektive Hilfe zu leisten. Ziel von ADH ist, ohne unnötige Zeitverzögerung den Not Leidenden zu helfen.
Zweck des Vereins ist die Information der Öffentlichkeit und einzelner Personen über die allgemeine Lebenssituation und die Lebensumstände von Verletzten, Kranken, Behinderten , Sterbenden und in sonstiger Weise von Not und Katastrophenfällen betroffenen Personen sowie über die vom Verein und dessen Mitgliedsorganisationen zur Bewältigung oder Verbesserung dieser Situation und Lebensumstände vorgesehenen und geleisteten Hilfsmaßnahmen, sowie die Beschaffung von Mitteln für Hilfsaktionen anderer gemeinnütziger Körperschaften, um Menschen, die in der Regel außerhalb Deutschlands von Katastrophen oder humanitären Notsituationen betroffen sind, beizustehen. Der Verein handelt im Geiste von Solidarität, Toleranz und Partnerschaft.
Sicherlich kommt Ihnen die Einleitung dieses Briefes bekannt vor, denn sie beruht auf Ihrer im Internet veröffentlichten Selbstdarstellung und Satzung.
In diesen Tagen frage ich mich jedoch, warum aus der „Aktion Deutschland Hilft“, eine „Aktion Deutschland Schweigt“ geworden ist!

Der Krieg, den Israel gegen Gaza führt, hat Sie bis heute nicht dazu veranlasst, einen Hilfsappell an die Öffentlichkeit in Deutschland zu richten, um den Menschen Gazas in ihrer humanitären Notsituation „beizustehen“.
Warum schweigen Sie zum Leid der Palästinenser in Gaza? Warum entsprechen Sie nicht Ihrem Satzungsauftrag, die Öffentlichkeit über die jegliche Vorstellungskraft übersteigende Katastrophe, die die Menschen in Gaza erfasst hat, zu informieren?

Verletzte, Kranke, Behinderte, Sterbende, die Ihre Solidarität verdienen, sehe ich jeden Tag, wenn ich meinen Fernseher einschalte, mittlerweile sogar auf westlichen TV-Kanälen.
Von Verletzten, Kranken, Behinderten und Sterbenden in Gaza erfahre ich auch aus den Berichten des EU-Entwicklungskommissar Louis Michel, aus den Berichten von Marc Garlasco, Militäranalyst bei „Human Rights Watch“, vom Oxford Professor für internationale Beziehungen Avi Shlaim aus seinem brillianten im britischen „Guardian“ erschienenen Artikel, von Herrn Clemens Verenkotte aus dem ARD-Hörfunkstudio in Tel Aviv und insbesondere vom Leiter der UNO-Vertretung in Gaza, Herrn John Ging, um Ihnen nur einige, wenige meiner Informationsquellen zu nennen, die jedem, auch Ihnen auf Abruf zur Verfügung stehen.
Sie können sich auch an den norwegischen Arzt Dr. Mads Gilbert wenden, der bis zum Montag dieser Woche für die Hilfsorganisation NORWAC im Al-Schifa Krankenhaus in Gaza-Stadt tätig gewesen ist, um sich über die Situation in Gaza ein wahrheitsgemäßes Bild zu verschaffen.
Ich bin konsterniert über Ihr Schweigen zum Tod von mittlerweile über 1.000 Menschen und weit über 5.000 Verletzten in Gaza -Tendenz rapide steigend!
Als Chirurg habe ich gelernt, dass man Menschen in Notsituationen beistehen muss, ohne Beachtung der Hautfarbe, Ethnizität, oder Religion. Ferner habe ich gelernt, dass Mitmenschlichkeit niemals den Diktaten der Politik unterworfen werden darf. Unabhängige Humanitäre Hilfe ignoriert die von der Politik vorgegebenen Grenzen, sie sucht den Weg in vermeintliche „No-Go-Areas“.
Nicht-Regierungsorganisation (NROs) erlangen Legitimtät für ihre Arbeit in Krisengebieten, weil sie sich von politischen Prozessen abnabeln, weil sie sich von der Politik nicht instrumentalisieren oder missbrauchen lassen.
NROs dürfen sich nicht zum Steigbügelhalter einer wie auch immer gearteten Staatsräson machen lassen, wenn das humanitäre Völkerrecht missachtet wird!
Das Schweigen zu den Ereignissen in Gaza bedeutet, dass man letztendlich Partei für eine menschenverachtende, aggressive und kriegstreibende Politik ergreift, eine Politik, die dem Staat Israel weder mittel- noch langfristig nützt, sondern schaden wird.
Lassen Sie es mich einmal klar formulieren: Ich erwarte von Ihnen einen humanitären Einsatz für die Menschen in Gaza, eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
Vielleicht sollten Sie die folgenden Zeilen des israelischen Soziologen Professor Zuckermann aufmerksam lesen:
„Wer noch immer nicht den Unterschied zwischen Judentum, Zionismus und Israel, mithin zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik begriffen hat, wird zwangsläufig miteinander vermengen, was auseinander gehalten gehört. Israel führt einen erbitterten Kampf gegen Hamas und Hezbollah; dieser hat seinen historischen Ursprung sowie seine aktuelle Begründung in der nahöstlichen Geopolitik und im israelisch-palästinensischen Konflikt, nicht im Antisemitismus als solchem, schon gar nicht in einem dem abendländischen vergleichbaren Antisemitismus.“
Unrecht bleibt Unrecht, auch wenn dieser Rechtsbruch von Israel ausgeht!
Am 08. Mai 1985 hat Ihr Schirmherr, Herr Dr. Richard von Weizsäcker seine weit beachtete Rede im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges mit folgenden, beeindruckenden Worten geschlossen:
„Ehren wir die Freiheit. Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit!“
Die Menschen in Gaza brauchen Ihre Hilfe und Ihren Beistand. Die Menschen in Gaza brauchen die Unterstützung der deutschen Bevölkerung, diese ist vorhanden; Sie können der Menschlichkeit in Deutschland Gestalt geben, einer Menschlichkeit, die auch Palästinenser einschließt.
Dienen Sie dem inneren Maßstab der Gerechtigkeit, und erheben Sie Ihre Stimme für die Menschen in Gaza, die in diesem furchtbaren Krieg die Leidtragenden sind.
Einem Menschen seine Menschenrechte zu verweigern, bedeutet, ihn in seiner Menschlichkeit zu missachten, so der Nobelpreisträger Nelson Mandela.
In Gaza leben Menschen, „Aktion Deutschland Hilft“ darf die Palästinenser in ihrer Menschlichkeit nicht missachten.
Mit freundlichen Grüßen

Obeidullah El-Mogaddedi
(Arzt und Chirurg)
15.01.2009

P.S.: Machen Sie es Ihrem schweizerischen Pendant, der „Glückskette“, nach; diese hat bereits eine Hilfsaktion für Gaza unter Einbeziehung des öffentlich-rechtlichen Schweizer
Fernsehens gestartet!

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