Offener Brief an Ralph Giordano

„Dummheit ist auch
eine bestimmte Art,
den Verstand zu gebrauchen.“
(Verfasser unbekannt)

Ein Weiser soll die Dummheit
eines gemeinen Menschen nicht
mit Nachsicht hingehen lassen, denn
es bringt auf beiden Seiten Schaden;
das Ansehn jenes wird verringert,
und die Torheit dieses wird verstärkt.
Saadi, Der Rosengarten

Sehr geehrter Ralph Giordano,

in einem in der Zeitschrift „Das Parlament“ veröffentlichten Essay mit dem Titel „Die Internationale der Einäugigen“ schreiben Sie, dass Sie sich in den 50iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der Kommunistischen Partei Deutschlands verabschiedet haben, um “auf beiden Augen sehen zu können“. Sie wollten weder auf dem rechten Auge noch auf dem linken Auge erblinden.

Nach der Lektüre Ihrer finsteren Äußerungen gegen den geplanten Bau eines auch von außen als solches erkennbarem Moscheegebäude, kann man nur das Fazit ziehen, dass Sie zumindest im Hinblick auf Muslime und Islam, der geistigen Erblindung nicht entgangen sind, schlimmer noch, Sie scheinen einer unbegreifbaren geistigen Erstarrung verfallen zu sein.
Als ein in Deutschland lebender Muslim ist man hinsichtlich der öffentlichen Diskussion über Muslime und Islam mit einigem grotesken gedanklichen Unrat vertraut, aber Ihre geistige Ausschreitung über das muslimische Leben in diesem Land lässt auch die größten anti-muslimischen Hetzer, Schmierfinken eingeschlossen, in Ehrfurcht erstarren.
Muslimisches Leben in diesem Land setzen Sie gleich mit Aggressivität, Raub, Bedrohung, Vergewaltigung und Mord.
Mit beträchtlicher Aggression setzen Sie Islam mit Verfassungsfeindlichkeit, Antisemitismus und Terrorismus gleich. Sie gehen sogar so weit von einem erpresserischem, „islamisierenden“ Tentakeltum auf globaler Ebene zu sprechen.
Hatten wir derartige eine Minorität verunglimpfende Sprachagitationen in diesem Land nicht schon einmal, aber in einem anderen Kontext?
Zur Ehrenrettung der eigenen Personen versuchen Sie Ihre unglaublich dumpfen Losungsworte gegen Islam und Muslime in diesem Land mit Ihrem Recht auf Meinungsäußerung zu rechtfertigen, ohne dabei „ein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen“.
Mit Ihren, nicht einmal oberflächlich und flatterhaft zu nennenden, Erkenntnissen über den Islam, die nicht mehr darstellen als eine gefährliche Illusion von Wissen, füllen Sie nun die Gazetten und anderes mehr, unter anderem braune Füllhörner.
In eine bizarre Propagandistenrolle schlüpfend, versuchen Sie nicht nur einer in Ihren Augen bestehenden Furcht großer Bevölkerungsteile vor einer „schleichenden Islamisierung“ und Ihrer Empfindung, dass bundesweit eine kollektive Beunruhigung und Befindlichkeit gegenüber Muslimen und Islam bestünde, eine Stimme zu verleihen, sie missbrauchen Ihre Bekanntheit, um Kübelweise Voreingenommenheiten über Muslime und Islam auszugießen. Abgesehen von der fragwürdigen Empirie Ihrer „Einsichten“ entgeht Ihnen, dass Sie mit Ihren abstoßenden gegen Muslime gerichteten Polemiken, Verachtungsszenarien und von Abneigungen geprägte Zustände herbei reden und produzieren.
Die englische Sprache hat für Ihre Denkschule den wunderbaren Begriff der „self-fulfilling prophecy“ geschaffen.
Zur Rechtfertigung Ihrer intellektualisierten Wortschwalle, nehmen Sie für sich unter anderem in Anspruch, frei von den Schuldkomplexen aus der Nazi-Zeit zu sein, als ob dies ein allumfassender Freibrief sei, um jegliche Verächtlichkeit begreiflich zu machen.
Dennoch ist Ihre Distanz zum Faschismus vielleicht die einzige Grundwahrheit, der ich mich Ihnen gegenüber im Kontext dieser Diskussion anschließen kann.
Dessen ungeachtet möchte ich Ihrer von Ihnen in Anspruch genommenen Freiheit von Schuldkomplexen hinzufügen, dass Ihr Freigeist im Hinblick auf die Begegnung mit Muslimen losgelöst ist von jedweder Fähigkeit aus der Geschichte, insbesondere aus der eigenen deutschen Geschichte, kluge Konsequenzen für das Zusammenleben verschiedener Kulturen in diesem Land zu ziehen.
Bitte Herr Giordano, erlauben Sie mir auch einmal kein Blatt vor den Mund zu nehmen, und lassen Sie mich sagen, dass mich Ihre unter einem Seidenschal versteckte gegen Muslime gerichtete Irrationalität und von Salonrassismus geprägte Polemik anwidert!

Nein, Herr Giordano, der Islam ist nicht das Problem, Ihre Geisteshaltung, die Muslime als Teil der deutschen Gesellschaft auszuschließen sucht, ist das Problem!
Sie haben sich in einer höchst absonderlichen Geisteswelt verirrt und verrannt!
Mit Ihren Hetzpredigten gegen Muslime in Deutschland und Europa missachten Sie die zentrale Unerlässlichkeit im sozialen Miteinander, nämlich Schranken in der freien Rede zur Kenntnis zu nehmen.
Die Notwendigkeit einer Sensibilität in der Begegnung mit anderen Menschen und die Prinzipien des gegenseitigen Respekts treten Sie in Ihren Stellungnahmen zum Moscheebau in Deutschland mit Füßen.
Sie verwerfen Ihre Prämisse der Gewaltlosigkeit, weil Ihr Vokabelschatz im Bezug auf Muslime in diesem Land von verächtlicher Missachtung für und Entmenschlichung von Muslimen geprägt ist, dies wird Gewalt gegen Muslime produzieren.
Ihre Worte von heute sind der Schleifstein auf dem die Messer der aktuellen und zukünftigen Gemetzel gewetzt werden.
Atheistischer Intellektualismus, der Religion für dreimal nichtig erklärt, intellektuelle Oberflächenakrobatik mit wissenschaftlicher Tiefgründigkeit verwechselt, nur die eigene vom Tunnelblick geprägte Wahrnehmung der Realität mit nachweisbarer Wirklichkeit verwechselt, sie sollte jedem Demokraten, der einer Religion in seinem Leben einen wichtigen Platz einräumt, genauso zuwider sein, wie jede andere Prägung von Extremismus auch.
Wer auf der Basis der religiösen Ausrichtung einer in diesem Land lebenden Minderheit demographische Angstszenarien entwirft und verschleierte Frauen als „Pinguine“ bezeichnet, der hat nicht nur ein diktatorisches Ästhetikempfinden, sondern er bedient mit seinen unqualifizierten Äußerungen genau die kranken Geister in diesem Land, die wieder von der Ideologie einer deutschen Monokultur träumen.

Wer aufrichtige muslimische Gesprächsangebote zur Ausräumung von Missverständnissen dazu nutzt, um seine unglaubwürdigen Tiraden öffentlich zu wiederholen, verfällt einer Art des Nachtretens, die nicht den „Getretenen sondern den Treter“ charakterisiert.
Wer legitime Moscheebauten zum Anlass nimmt unhaltbare Prophezeiungen über Unfrieden und Unruhen auszustoßen, Immigranten zu Problemverursachern abstempelt, ernsthafte Integrationsanstrengungen seitens der in Europa lebenden Muslime mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ lächerlich zu machen sucht, Muslimen jegliches europäisches Traditionsgut abspricht, Dialogkultur mit Xenophilie gleichsetzt, kulturelle Selbstbestimmung einer Minderheit nur als ein von der Mehrheitsgesellschaft zu definierendes Recht versteht und gehässige Propaganda mit Wirklichkeit gleichsetzt, der hängt politischen Irrtumslehren an, und er teilt die Humanitas, die er offensichtlich nur für sich in exklusiven Anspruch zu nehmen scheint.

Zur Entschuldigung und zur Verteidigung derartiger Denkweisen können in einer Zeit des offenen und mannigfaltigen Informationsangebotes mangelnde Erkenntnisstände genauso wenig angeführt werden, wie der individuelle Bedeutungswert eines Zugehörigkeitsgefühles zu einer Gruppe. Das ist nicht nur Heuchelei sondern auch Flucht aus der eigenen Verantwortung für den Zeitgeist, den man mit seiner Sprache produziert.
Wer in menschenverachtender Weise über Muslime und abschätzig über den Islam schwadroniert darf sich nicht darüber empören, wenn Rechtsradikale Gruppierungen ihre politischen Karren mit seinem verbalen Treibstoff in Fahrt bringen, denn das Vokabular der politischen Gossen erfährt eben doch eine Aufwertung, wenn es von einem Überlebenden des schrecklichsten Massenmordes der Menschheitsgeschichte verwendet wird; diese sprachlichen Monstrositäten, die eine religiöse Minorität zurückzusetzen sind und bleiben in einer Demokratie grundsätzlich inakzeptabel!
Muslime in Deutschland erwarten von Ihnen in Ihrem Umgang mit deren rechtmäßigen Interessen keineswegs „Demut“, aber Achtung, die jedem Menschen gebührt. Gerade aufgrund Ihrer persönlichen Lebenserfahrungen müssten Sie die Schmähung Muslimischen Lebens in Deutschland unterlassen.
Kein Muslim sollte Sie in eine rechtsextreme Ecke stellen, aber durch Ihre gegen Muslime gerichteten Verbaloffensiven manövrieren Sie sich selbst genau in diese Ecke. Mit Ihren Gehässigkeiten zündeln Sie nicht nur, sie legen das Fundament für zukünftige gesellschaftliche Flächenbrände, so wie diejenigen, die früher in ihrem mono-ethnischen Unvereinbarkeitswahn nach einem „Jud Süß“ und heute nach einem „Muslim Süß“ Ausschau halten.
Sie behaupten, dass Sie in diesem Land Ihre Meinungsfreiheit ausleben wollen. Dieses Recht steht ohne Wenn und Aber allen Menschen, Muslime eingeschlossen, in Deutschland zu, aber Sie irren, wenn Sie glauben, dass Ihr verschwenderischer Umgang mit Verbalinjurien gegen Andersgläubige Ausdruck konstruktiver Kritik ist und Sie irren, wenn Sie annehmen, dass dies zu einer Deeskalation tatsächlicher oder vermeintlicher Spannungszustände führen würde.
Ihre gnadenlose Verneinung des gütlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Lebensanschauungen, die im Grundgesetz eine gemeinsame Lebensgrundlage sehen, macht Sie zum „Großverhinderer“ der Möglichkeit ein weltoffenes Deutschland in einem weltoffenen Europa zu schaffen.
Ihre Behauptung an der Seite der säkularisierten Muslimas und Muslime stehen zu wollen, bleibt und ist solange eine abgenutzte Wortblase, wie Sie Ihr Verständnis von Säkularisierung und Reform nicht definieren; aber in Anbetracht Ihrer gegenwärtigen Polemik gegen Muslime und Islam, scheinen Sie diese Begriffe, in einer höchst bedenklichen Weise für Muslime definieren zu wollen.
Tatsächlich gibt es keine Alternative zu einer Integration als die friedliche, allerdings ist Ihr Beitrag dazu nicht einmal von molekularer Größe.
In Abwandlung Ihres kürzlich in einem Interview geäußerten Gedankens kann ich nur hoffen, dass der Fall nie eintreten wird, dass ein Muslim in Deutschland Ihnen die blutigen Folgen Ihres Heiligen Krieges um die Ohren schlagen muss!

In diesem Sinne

M.Belal El-Mogaddedi
Springe, 30.08.2007

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