Sehr geehrter Herr Wallraff,
in den vergangenen Tagen werden Sie in verschiedenen Medien mit Ihrem Vorschlag einer Lesung des Buches „Die Satanischen Verse“ von Herrn/Sir Salman Rushdie in der noch zu bauenden(!) Moschee des Kölner Stadtteils Ehrenfels zitiert. Zuletzt warben Sie am 09. Juli dieses Jahres im Deutschlandfunk im Rahmen einer Diskussionssendung für Ihren freigeistigen Geniestreich.
Offensichtlich möchten Sie Muslime einem weiteren (un-)sinnigen Toleranztest unterziehen, ganz im Duktus der Gesinnungsprüfungen, die in einigen Bundesländern herangezogen werden, um die Leitkulturelle Treue von Muslimen festzustellen.
Sicherlich kann Ihnen eine derartige Überprüfung gelebter religiöser Toleranz von Muslimen zugestanden werden, allerdings ist es mir als ein in Deutschland geborener und lebender Muslim gleichermaßen erlaubt Ihre Forderung in dieser selektiven Form als eine Form billiger anti-muslimischer Polemik entschieden zurückzuweisen.
Ihrer in literarische Watte eingepackten Werbeaktion für das Buch Ihres Freundes Rushdie liegt letztendlich eine Annahme zugrunde, die zu vermitteln sucht, dass Muslime per se
- antidemokratisch,
- integrationsfeindlich
- und antiwestlich
seien, es sei denn sie treten einen Gegenbeweis an, indem Muslime z. B. eine Lesung eines literarischen Werkes mit dumm-schwätzigen Inhalt – diese Interpretation des von Ihnen so geschätzten Rushdie – Werk müssen Sie mir als Muslim schon erlauben – in ihrem Gebetshaus gestatten.
Ihre Forderung vermittelt mir den Eindruck, dass auch Sie die grundsätzliche Unschuldsvermutung für Muslime, ein bezeichnendes zeitgeistliches Phänomen, nicht gelten lassen wollen.
Negative Vorurteile dienen einem Zweck, ihrer Kreation liegt ein Motiv zugrunde. Jedes negative Vorurteil stellt eine These dar, über die sich der Schöpfer des Vorurteils im Umkehrschluss positiv zu definieren sucht.
Ist es das was Sie antreibt?
Warum müssen Muslime in Deutschland den heiligen Geist satanischer Verse über sich ergehen lassen, um von Ihnen und auch anderen in diesem Land den selben Respekt auf Augenhöhe zu erfahren, wie jeder andere in Deutschland lebende Mensch?
Kein Muslim hat Ihnen oder Herrn Rushdie gegenüber eine Bringschuld was Fragen der gemeinschaftlichen Toleranz betrifft.
Kein Muslim muss die Werke Rushdies gelesen haben, um in diesem Land respektvolle Akzeptanz zu erfahren, oder haben Sie etwa alle BILD-Redakteure dazu aufgefordert Ihr Buch „Der Aufmacher“ zu lesen? Übrigens der damalige Chefredakteur der BILD, Herr Tiedtje ist bis heute bekennender Nicht-Leser Ihres Buches und trotzdem konnten Sie sich mit ihm über Ihre damalige Arbeit unterhalten und streiten.
Falls Sie dennoch von der Güte Ihres Vorschlages überzeugt sind, dann plädiere ich dafür, dass Sie sich für eine „Gesamt-Abrahamitische“ Leseveranstaltung in Köln einsetzen, die alle Religionen und deren Vertreter einem Test unterzieht, nennen wir ihn den „Wallraffschen Toleranz-Test“:
- An einem Freitag findet die von Ihnen gewünschte Lesung des Buches „Die satanischen Verse“ in der Moschee Köln-Ehrenfels statt. Übrigens, die Begeisterung, mit der das Moschee-Projekt von Nicht-Muslimen aufgenommen wird, ist ein beeindruckender Toleranzindikator für die Mehrheitsgesellschaft von Köln!
- An einem Samstag findet in der Kölner Synagoge eine Lesung des Buches „Die geheimen Protokolle der Weisen von Zion“ wahlweise das Buch „Die Holocaust Industrie“ von Norman G. Finkelstein, statt.
- An einem Sonntag findet im Dom zu Köln eine Lesung aus der Buchserie „Kriminalgeschichte des Christentums“ von Karl Heinz Deschner statt, wahlweise eine Lesung aus Gerd Lüdemanns Büchern.
Geht Ihnen dieser Vorschlag zu weit, nun dann sollten Sie Ihr Vorhaben grundsätzlich überdenken, weil ich es sonst nur als eine auf Muslime ausgerichtete Gewissensprüfung und für einen arroganten Akt der Diskriminierung empfinden kann.
Falls Sie meinen, dass Empfindungen in der von Ihnen angestoßenen Debatte keine Rolle spielen sollten, möchte ich Sie daran erinnern, dass Muslime in Deutschland bereits seit Jahren eine Empfindungskultur durch die Mehrheitsgesellschaft erfahren, in der z. B. das Kopftuch einer Muslima als Kampftuch und das Minarett einer Moschee als Eroberungsanspruch empfunden wird.
Gleiches Recht für alle, gleiche Pflichten für alle, oder doch nicht, wie hätten Sie es denn gern Herr Wallraff?
Ihre Initiative für eine angebliche erzieherische Literarisierung der Muslime in diesem Land ist mir genauso fremd wie die nur scheinbar klugen Rechtsexpertisen mancher Extremisten.
Einmal waren Sie in Ihrem Leben physisch bereits „Ganz Unten“, wäre es nicht besser, wenn Sie Ihren Geist mal nach „Ganz Oben“ bemühen, anstatt mich als Muslim und meine Geschwister im Glauben mit Ihren Forderungen an einen in Selbstgerechtigkeit wurzelnden Pranger zu stellen?
Das von Ihnen geschätzte Buch des Schriftsteller Rushdies hat für mich und viele Muslime genauso viel mit geistigem Fortschritt zu tun, wie Gustav mit Gasthof, und in Anlehnung an das oben erwähnte Gleichnis über die Literatur, sollten Sie Muslime nicht dazu zwingen, die Blumen in Ihrem literarischen Garten bewundern zu müssen, nicht jedes blühende Unkraut verdient Beachtung.
In diesem Sinne,
M. Belal El-Mogaddedi
Hannover, 16.07.2007
P.S.: Das Buch des von Ihnen zu einer Ikone der muslimischen Aufklärung stilisierten Autors habe ich gelesen. Allerdings bin ich zum Schluss gekommen, dass ich wie Millionen von Muslimischen Glaubensgeschwistern in diesem Land sehr gut ohne diese verklärte Form der Oberlehrenhaften und ignoranten Aufklärung leben kann, um als muslimischer Homo Rationalis im Leben zurecht zu kommen.
Bereits der Geheimrat J.W. von Goethe wusste es:
„Am Ende kann doch nur ein jeder in seinem eignen Sinne aufgeklärt werden“.
Mit diesem Selbstverständnis lässt es sich hervorragend ohne den von Ihnen so bejubelten Rushdie-Ismus leben.