“Das Vorurteil ist ein Floß,
an das sich der schiffbrüchige Geist
klammert.“
Zunächst eine ausgewählte Bestandsaufnahme:
„Alle Muslime sind potentielle Terroristen“
„Muslime sind christenfeindlich“
„Muslime sind judenfeindlich“
„Der Islam ist intolerant und eine blutrünstige Religion“
„Muslime sind antiwestlich“
„Muslime sind antidemokratisch“
„Muslime sind frauenfeindlich“
„Muslime sind integrationsfeindlich“
„Muslime sind minderwertig“
„Muslimische Länder sind unsicher. Muslime sind ein fanatisierter Mob“
„Irak, Iran, Syrien sind das „Reich des Bösen“
Dies sind nicht die einzigen Vorurteile, die über Muslime im Gebrauch sind, aber sie sind in der aktuellen Diskussion über das wechselseitige Verhältnis des „Westens“ und der Muslimischen Welt die am weitesten verbreiteten (Fehl)-Ansichten.
Landläufig ist man der Auffassung, dass ein Vorurteil eine wertende, häufig negative, wenig reflektierte Meinung darstellt.
Hinsichtlich der Muslime existiert in der so genannten nicht-muslimischen Welt und in diesem Fall dem so genannten (christlichen? jüdischen?) „Westen“ ein Reichtum von Vorurteilen gegenüber von Muslimen, der in seiner beständigen historischen Starrheit unerschütterlich erscheint. (Dem Begriff „Westen“ wird das „so genannt“ vorausgeschickt, weil auf der Basis des universalen Selbstverständnisses des Islams keine geographischen Grenzen für den Islam existieren.)
Muss man sich über negative Vorurteile den Kopf zerbrechen?
Muss man sich mit Ihnen auseinandersetzen?
Muss man sie Ernst nehmen?
Leider Ja, denn negative Vorurteile dienen einem Zweck und ihrer Kreation liegt ein Motiv zugrunde. Jedes negative Vorurteil stellt eine These dar, über die sich der Schöpfer des Vorurteils im Umkehrschluss positiv zu definieren sucht.
Niemand ist davor gefeit, sich ein Vorurteil zu bilden bzw. sich einem Vorurteil zu ergeben, dies gilt insbesondere für den weiten Bereich der Politik, der selten bei der Verfolgung politischer Ziele ohne die Festlegung auf parteiische Vorurteile auskommt.
Einem Vorurteil zu erliegen und auf der Basis einer Voreingenommenheit zu entscheiden kann heutzutage angesichts der vielfältigen Informationsmöglichkeiten kaum gerechtfertigt werden.
Die Konsequenzen einer auf Vorurteilen basierenden individuellen Haltung, einer auf Vorurteilen basierenden Politik können nämlich verheerend sein.
Keiner hat dies besser erkannt als der verstorbene große Sir Peter Ustinov, der an dieser Stelle zitiert werden soll:
„Keinem Menschen fällt es ein, Vorurteile in die Welt zu setzen, die sich sofort widerlegen lassen. So würde niemand behaupten, alle Deutschen seien Zwerge. Und die Nazis kamen nicht auf den Gedanken, den Juden kalte Augen nachzusagen. Kein vernünftiger Mensch hätte eine solche Behauptung geglaubt, weil er ja schon an der nächsten Straßenecke Juden mit freundlichen Gesichtern begegnet wäre. Die Nazipropaganda arbeitete subtiler, indem sie behauptete, die Juden seien geizig, raffgierig und verschlagen. Auf diese Weise konnten sie das reine Ressentiment produzieren. Schlichte oder angstvolle Gemüter gingen nun davon aus, dass ein Jude, der einem freundlich begegnete, besonders verschlagen war und sich gut verstellen konnte. Gegen die perfiden Vorurteile der Nazis hatten die Angeklagten keine Chance.“
Das Problem ist nicht das Vorurteil per se, denn schon Nietzsche pflegte zu sagen, dass jedes Wort ein Vorurteil sei, aber wie von Sir Ustinov richtig erkannt, ist das raffinierte Vorurteil von großer Gefährlichkeit, da es dem Zielobjekt keine Chance der Richtigstellung und der Erklärung lässt.
Aus diesem Grund ist die fortdauernde Vorurteilsbekämpfung mit Aufklärungscharakter von größter Wichtigkeit und in Anbetracht des aktuellen Verhältnisses zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen von größter Bedeutung; wobei sich die Schieflage dieses Verhältnisses in der Politik ausgeprägter manifestiert als in dem alltäglichen gesellschaftlichen Zusammenleben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Der verdächtige Umstand, dass die aktuelle „westliche“ Globalpolitik sich zweckdienlicher Vorurteile zu bedienen scheint, sollte zu denken geben.
Anknüpfend an die bereits erwähnte Auffassung, dass ein Vorurteil eine wenig reflektierte Meinung darstellt, stellt man bei der Betrachtung der gegen Muslime gerichteten Vorurteile das genaue Gegenteil fest. Vorurteile über Muslime entspringen nicht einer Bierlaune und sind auch nicht Produkt eines Deliriums. Dem Vorurteil über die Muslime liegt eine im Okzident erfundene Geisteswissenschaft zugrunde:
Die Orientalistik.
Es ist diese Forschungsrichtung, die seit Jahrhunderten, mit wenigen Ausnahmen, versucht, Muslime zu stigmatisieren und zu etikettieren.
Da ein Vorurteil nicht nur einem Zweck dient, sondern auch ein Mittel der Eigendarstellung, Selbstdefinition und -wahrnehmung ist, darf es sicherlich nicht überraschen, dass die Orientalistik ihre Prägung durch theologisch qualifizierte bzw. religiös orientierte Nicht-Muslime erfuhr und erfährt.
Die Orientalistik ist in ihrem Ursprung mitnichten eine unabhängige und neutral forschende Wissenschaft, sie bedient sich vielmehr dem Prestige der unbefangenen Wissenschaft, um für die von ihr produzierten Vorurteile Akzeptanz einzufordern.
Die Orientalistik taucht im Bezug auf den Islam in den seltensten Fällen tief in die Materie ein, wenn sie es tut, dann ohne notwendige Qualifikation. Einer Wassermücke gleich läuft sie auf der Wasseroberfläche, beobachtet und beurteilt individuelles muslimisches Verhalten und verallgemeinert diese in empirischer Prägung.
Diese Konstellation erklärt vielleicht, warum das Verhalten eines Muslims fast immer mit den Fundamentalen Lehren des Islams identifiziert wird, so dass ein Misnomer wie “muslimischer Fundamentalist“, um einen Extremisten muslimischen Glaubens zu beschreiben, aus dem nicht-muslimischen Wortschatz fast gar nicht mehr wegzudenken ist.
Das gegen Muslime gerichtete Vorurteil ist somit auch nahezu immer ein Angriff auf den Islam und ein Versuch, den Islam als minderwertige, und in diesem Fall in der Rangstufe nicht mit dem Christentum vergleichbare Religion, herabzuwürdigen.
Möglicherweise ist es diese „westliche“ Grundhaltung, die die Begegnung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen oft so schwierig gestaltet, denn das Vorurteil über Muslime und Islam verhindert ein Gespräch auf Augenhöhe.
Die pauschale negativ ausgerichtete Be-(Vor)urteilung der Muslime ist genauso falsch wie eine exklusiv positiv ausgerichtete Be-Vorurteilung.
Muslimophilie ist genauso unangebracht wie Muslimophobie .
Ja es gibt sie,
die potentiellen muslimischen Terroristen,
die muslimischen Judenfeinde,
die muslimischen Christenfeinde,
blutrünstige Muslime,
Muslime, die den Islam intolerant auslegen,
die Muslime, die den Westen verachten,
die Muslime, die frauenfeindlich,
antidemokratisch und integrationsfeindlich sind.
Und???
Sind etwa alle Muslime kriminell und minderwertig, nur weil eine Handvoll Muslime rechtswidrig handelt?
Dieses oberflächliche Sammelsurium von gegen Muslime und Islam gerichteten Vorurteilen, ist nicht nur unsinnig, es ist auch Ausdruck einer arroganten, selbstgefälligen Überheblichkeit des „Westens“.
Warum???
Gibt es denn nicht auch den potentiellen christlichen und jüdischen bzw. westlichen Terroristen,
die christlichen und jüdischen bzw. westlichen Muslimfeinde,
die Christen und Juden im Westen, die die so genannte islamische Welt verachten,
die Christen und Juden, die ihre zentralen Glaubensbücher intolerant auslegen
die Juden und Christen im so genannten Westen, die frauenfeindlich, antidemokratisch und integrationsfeindlich sind?
Selbstverständlich!
Gibt es nur den jüdischen, christlichen bzw. westlichen Gutmenschen?
Mitnichten!
Dieses wohl zubereitete Ragout von Vorurteilen ist Ausdruck eines geistigen Unvermögens des Westens, sich differenziert mit den Problemen in der Muslimischen Welt auseinanderzusetzen- vielleicht mit gutem – westlichen- Grund!
Es darf nicht heißen „Alle Muslime sind potentielle Terroristen“, sondern „Alle Menschen sind potentielle Terroristen“, denn Terrorismus kennt weder Religion noch Nationalität.
Terrorismus kennt nur Opfer.
Möglicherweise sind auch die Täter Opfer, ihrer die Welt in „Gut“ und „Böse“ aufteilenden absolutistischen Ideologie, freilich sind sie strafwürdige Opfer ihrer Engstirnigkeit!
Abgesehen von den möglichen Definitionen des Begriffes „Terrorismus“ über die sich trefflich streiten ließe, ist das Potential im Terrorismus sein Heil zu suchen, in jeder Religionsgemeinschaft vorhanden.
Angesichts der Existenz einer langen Historie von Terroristengruppen in Europa, ist die Aussage „Alle Muslime sind potentielle Terroristen“, geradezu lachhaft.
Die deutsche (westliche) RAF, die italienischen (westliche) Rote Brigaden, die spanische (westliche) ETA, die irische (westliche) IRA, die korsische (westliche) FLNC sind keine Erfindungen von Muslimen, sondern Erscheinungen in einem Europa, das sich so gerne positivistisch auf seine christlich-jüdischen Wurzeln beruft, diese aber im Negativfall offensichtlich zu vergessen scheint.
Die zionistischen Organisationen Irgun Zvai Leumi, Hagana und Stern, die das unter einem britischen Mandat stehende Palästina mit Terrorangriffen überzogen sind auch keine Schöpfungen von Muslimen, sondern von Juden, die damals als Terroristen gesucht, nach der Gründung des Staates Israel die höchsten Staatsämter Israels besetzten und international hofiert wurden. Alle diesen genannten Organisationen standen „Westler“ vor!
Auf die lateinamerikanischen Terrorgruppierungen wie z.B. FARC und Tupamaros und den international agierenden katholisch erzogenen Terroristen Illich Ramirez Sanchez, besser bekannt unter seinem Kampfnamen „Carlos“ wie auch den katholischen Priester und Guerillakämpfer Camillo Torres, der in die charmante und attraktive Kategorie „Befreiungstheologe“ fällt, sei hier nur am Rande verwiesen.
Übrigens, die EU erfasst in ihrer Liste von anerkannten Terrororganisationen mehrheitlich Organisationen, die mit Muslimen nichts zu tun haben!
Wie bewertet man beispielsweise Timothy McVeigh, Terry Nichols und Michael Fortier, Mitglieder der so genannten „Michigan-Miliz“, einer US-regierungsfeindlichen bewaffneten Vereinigung, die mit der fundamentalistischen „Christian Identity“ in Verbindung gebracht wird, die einen Terroranschlag auf das 9-stöckige Murrah Federal Building in Oklahoma City am 19. April 1995 verübten, bei dem 168 Menschen ermordet wurden!
Wie bewertet man die in Uganda operierende „Lord Resistance Army“, deren Führer, die vom Internationalen Gerichtshof per Haftbefehl gesucht werden, sich dem Biblischen Christlichen Milleniarismus verschrieben hat?
Wie unsinnig es ist, Muslime zu „potentiellen muslimischen Terroristen“ zu degradieren und damit zu entwerten, lässt sich durch einen Blick auf eine andere Form des Terrorismus veranschaulichen, nämlich dem Staatsterrorismus.
Ist es nicht Terrorismus, wenn ein Land wie die – christlichen! -USA, dass sich als „God´s own country“ verklärt, seit 1959 durch die CIA terroristische Organisationen von Exilkubanern kreiert und finanziert, wie z.B. die Brigade 2506, Alpha 66, und international anerkannten Terroristen wie Luís Posada Carriles und Orlando Bosch Zuflucht und Schutz gewährt?
Wie soll man das Urteil des Internationalen Gerichthofes verstehen, der die militärischen Aktivitäten der USA gegen Nicaragua von 1984-1985 (Contra-Krieg) als einen Akt „der ungesetzlichen Gewaltanwendung“ verurteilt, wenn nicht als Terrorismus, dessen zentraler Bestandteil die ungesetzliche Gewaltanwendung ist?
Und wie soll man den Abwurf einer Bombe am 8. August 1978 auf ein von Afroamerikanern bewohntes Haus bewerten, das Anhänger der MOVE – Bewegung um ihren spirituellen Mentor John Africa im Ghetto der US-Amerikanischen Stadt Philadelphia besetzt hatten, wenn nicht als Paradebeispiel für inländischen Staatsterrorismus?
Und sind die Abwürfe von Atombomben über Nagasaki und Hiroschima nicht auch Ausdruck eines terroristischen Denkens, weil sie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen, und weil sie den Tod von Zivilisten als akzeptablen und willkürlichen Preis, und im besten Fall als ein notwendiges Übel für den Sieg der eigenen politischen Überzeugung vorsätzlich und Ziel gesetzt in Kauf nehmen?
Ist der Einsatz eines Giftstoffes, wie „Agent Orange“ in Vietnam wirklich ein legitimes militärisches Einsatzmittel und nicht doch ein staatlich sanktionierter terroristischer Einsatz gewesen?
Ist z. B. die außergerichtliche Tötung von unzähligen Palästinensern durch die Heimstätte aller Juden, den Staat Israel nicht auch eine Form von staatlichem jüdischem Terrorismus?
Wie beurteilen wir den 17. Oktober 1961, als in Paris unter dem Befehl des Pariser Polizeipräfekten Maurice Papon eine bis heute unbekannte Anzahl algerischer Demonstranten ermordet und in die Seine geworfen wurden? Westlicher – Christlicher – Laizistischer Terrorismus?
Wie beurteilen wir die Tatsache, dass französische Behörden die Versenkung des Greenpeace-Schiffs „Rainbow Warrior“ im Pazifik anordneten?
Wie sieht es eigentlich aus mit den Jakobinern der Französischen Revolution? Stellten deren Blutrausch, deren Hinrichtungen ihrer politischen Gegner am laufenden Band keine Akte von Republikanischen Terror dar?
Wie beurteilen wir ein Regime wie das von A. Pinochet in Chile, eines von vielen lateinamerikanischen Terror – Regimen, das Tausende Regimegegner ermorden und verschwinden ließ? Entstammten die Pinochets und ihre Schergen nicht ausschließlich katholischen Wiegen?
Wie beurteilen wir die kommunistische Terrorherrschaft eines Stalins, der in einem russisch-orthodoxen Haushalt erzogen worden ist?
Wie beurteilen wir die terroristische Politik des bekennenden russisch-orthodoxen Vladimir Putin im Kaukasus? Russisch-Orthodoxer Terrorismus?
Wie beurteilen wir die menschenverachtende Ideologie des Russisch-Orthodoxen Lenin, einer Ideologie, der Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind? Russisch Orthodoxer bzw. Russisch-Orthodoxer geprägter Terrorismus?
Wie beurteilen wir die von Gewalt geprägte kolonialistische Lebenseinstellung der Juden Ehud Olmert, Ariel Sharon, Menachem Begin, Ezer Weizmann und Theodor Herzl, der es zu verdanken ist, dass Millionen Palästinenser seit über 50 Jahren als Flüchtlinge überleben müssen?
Wie beurteilen wir die verblendete Großmachtpolitik des bekennenden Christen George W. Bush jun., die ohne Rücksicht auf Verluste, ganze Staaten dem Niedergang weiht?
Die obigen Beispiele belegen, dass das Potential eines Muslims zum Terroristen zu werden, genauso ausgeprägt ist, wie das Potential eines Juden und eines Christen als Terrorist zu enden.
Der Versuch Muslime weltweit als „potentielle Terroristen“ darzustellen, ist Teil einer Berechnung, keine Verschwörung wohlgemerkt, die Politik mit neuen Feindbildern auszustatten sucht. Es ist ein politischer Beitrag, um von eigenen historischen Fehlern abzulenken. Es ist ein Versuch die eigenen Terrorakte zu relativieren. Es ist ein Versuch, sich der Verantwortungen für politische Fehlentwicklungen, die man selbst verschuldet hat, zu entledigen.
Es gibt ihn nicht den terroristischen Muslim, genauso wenig wie es den terroristischen Juden oder den terroristischen Christen gibt.
Es gibt den potentiellen muslimischen Terroristen nur dann, wenn wir begreifen, dass er nur in der Verbindung mit dem jüdischen als auch christlichen potentiellen Terroristen existieren kann.
Islam hat nichts mit Terrorismus zu tun und der Quran ist genauso wenig ein Handbuch für Terroristen wie die Bibel und die Thora. Die muslimische Position zum Terrorismus ist eindeutig und klar, wie z. B. ein Blick auf die websites „Muslime – Gegen – Terror. de“ und „Nindi. de“ (Nindi = Nicht im Namen des Islam) beweist.
Aber Pathologische Wahrnehmungsresistenz bzw. Selektive Wahrnehmung lässt sich damit nicht heilen, bei fundamentalistischer Verklärung hilft keine auch noch so fundierte Aufklärung.
Muslime verurteilen muslimisierten Terrorismus genauso, wie sie judaisierten und christianisierten Terrorismus verurteilen.
Es ist nicht nur recht und billig muslimisierten Terrorismus zu verurteilen, eine Verurteilung ist unerlässlich.
Verurteilungswürdig sind aber auch der im Namen der messianisch anmutenden Verbreitung von Demokratie, Freiheit und Menschenrechte ausgeübte Terrorismus und der Terrorismus im Namen der angeblichen Selbstverteidigung.
Ein muslimischer Terrorist ist ein potentieller Nicht-Muslim!
Ein jüdischer Terrorist ist ein potentieller Nicht-Jude!
Ein christlicher Terrorist ist ein potentieller Nicht-Christ!
Wie ist es um das Verhältnis des Muslims zum Christen und zum Juden bestellt?
Das Verhältnis eines Muslims zu einem Andersgläubigen wird in erster Linie nicht durch ihn selbst, seinen Intellekt, seine ethnische Zugehörigkeit oder seine politische Orientierung, auch nicht durch die Staatsideologie des Landes in dem er lebt definiert, sondern durch die im Quran festgehaltene göttliche Offenbarung. Sie und die Tradition des Propheten legen verbindlich fest, wie ein Muslim sich gegenüber einem Andersgläubigen zu verhalten hat.
Aus diesem Grund wird an dieser Stelle der Quran zitiert, denn es heißt in „Al-Baqara“, der zweiten Sure im Vers 256:
„Es gibt keinen Zwang im Glauben.“
In „Al-Kafirun“,der Sure 109 wird das Toleranzgebot des Islams und das Verhalten eines Muslims gegenüber Andersgläubigen in folgende Worte gefasst worden:
Sprich: „O ihr Ungläubigen! Ich diene nicht dem, dem ihr dient, und ihr dient nicht Dem, Dem ich diene. Und ich werde nicht Diener dessen sein, dem ihr dient, und ihr dient nicht Dem, Dem ich diene. Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion.“
Und in „Al-Hudschurat“ , der 49. Sure im Vers 13 heißt es:
„Oh ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget. Wahrlich, vor Allah ist von euch der Angesehenste, welcher der Gottesfürchtigste ist. Wahrlich, Allah ist Allwissend, Allkundig.“
Diese drei Zitate sind einige von vielen Stellen aus dem Quran, die belegen, dass das Toleranzgebot ein zentraler Glaubensartikel des Islams ist, und kein Muslim einen Nicht-Muslim zum Islam zwingen darf, dass die parallele Existenz unterschiedlicher Glaubensrichtungen eine Realität menschlichen Lebens ist, und damit der Schöpfer letztendlich die absolute richtende Instanz darüber ist, wer sich tatsächlich seinem Willen ergeben hat.
Einem Muslim ist es nicht gestattet, Juden oder Christen auf der Basis ihres Glaubens zu miss- und zu verachten. Der politische Dissens, der heute in großen Teilen die Atmosphäre zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen vergiftet, hat seine Wurzeln nicht in der Religion der Muslime.
Der Dissens hat politische Ursachen und kann nur politisch gelöst werden, auch wenn kriminelle Glaubensextremisten und Bekenntnisvergewaltiger der an diesem Dissens beteiligten Seiten ihre jeweiligen Religionen bemühen, um ihre kriminellen Handlungen zu rechtfertigen.
Ein Muslim muss jeden Christen und Juden in seiner Religion achten, der Quran verpflichtet den Muslim in seinem Bekenntnis die Propheten Moses und Jesus als Propheten Gottes anzuerkennen.
In „Al-Imran“, Sure 3, Vers 84 wird dies explizit und ohne Einschränkung deutlich gemacht:
Sprich: „Wir glauben an Allah und an das, was auf uns herabgesandt worden ist, und was herabgesandt worden ist auf Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und die Stämme (Israels), und was gegeben worden ist Moses und Jesus und den Propheten von ihrem Herrn; wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen, und Ihm sind wir ergeben.“
Judenfeindlichkeit und Christenfeindlichkeit stellen nicht die Lebensparameter eines Muslims dar. Sie sind schon gar keine Glaubensgrundsätze des Islams.
Koexistenz, in diesem Zusammenhang das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Religionen, ist ein gewichtiger Bestandteil des Islam und friedliche Koexistenz, freilich nicht im Sinne von Rüstungsausgewogenheit, war den Muslimen schon lange vor Nikita Chruschtschow ein Begriff.
Alvaro, der Bischof von Cordova hatte bereits im neunten Jahrhundert A.D. die Koexistenz zwischen Muslimen und Christen mit folgenden Worten festgestellt:
„Viele meiner Glaubensgenossen lesen die Gedichte und Märchen der Araber, sie studieren, die Schriften der muslimischen Theologen und Philosophen, nicht um sie zu widerlegen, sondern um zu lernen, wie man sich auf korrekte und elegante Weise im Arabischen ausdrückt. Wo findet man heute einen Laien, der die lateinischen Kommentare über die heiligen Schriften liest? Wer unter ihnen studiert die Evangelien, die Propheten, die Apostel?
Ach, alle jungen Christen, die sich durch ihr Talent bemerkbar machen, kennen nur die Sprache und Literatur der Araber! Sie lesen und studieren aufs eifrigste die arabischen Bücher, legen sich mit enormen Kosten große Bibliotheken davon an und sprechen überall laut aus, diese Literatur sei bewundernswürdig! Redet man ihnen dagegen von christlichen Büchern, so antworten sie mit Geringschätzung, diese Bücher verdienten nicht ihre Beachtung! O Schmerz, die Christen haben sogar ihre Sprache vergessen, und unter Tausende von ihnen findet man kaum einen, der einen erträglichen lateinischen Brief zu schreiben versteht; dagegen wissen Unzählige, sich aufs eleganteste im Arabischen auszudrücken und Gedichte in dieser Sprache mit noch größerer Kunst als die Araber selbst zu verfassen.“
Diese Feststellung des Bischofs überrascht nicht darin, dass sie auf die überwältigende Tragweite der von Muslimen geprägten Wissenschaften hinweist, sie überrascht vielmehr darin, dass sie in Form einer Wehklage gehalten ist! Vielleicht fällt es dem “Westen“ schwer Ebenbürtigkeit oder auch Überlegenheit jenseits seiner Entfaltungs- und Einflußsphären zu akzeptieren. Möglicherweise ist dieser Umstand ein Indiz dafür, dass die Ursachen für das angespannte Verhältnis zwischen Muslimen und Christen auch vor der Tür der Nicht-Muslime zu finden sind, vor denen nur allzu selten gekehrt wird. Das Vorurteil als selbstgerechter Selbstschutz?
Die Existenz eines – interessanterweise offensichtlich integrationsunwilligen ! – christlichen Bischofs im muslimisch geprägten und von Muslimen beherrschten Spanien des neunten Jahrhunderts ist außerdem die beste Entkräftung der Ansicht, dass der Islam mit „Feuer und Schwert“ ausgebreitet worden sei.
Der Chronik von Michael dem Syrer entnehmen wir, dass der Patriarch bei der Einnahme Jerusalems mit seinem Schwert alles niedermähte und niederrannte bis er triefend vor Blut zur Grabeskirche gelangte. Dort wusch er die Blutverklebten Hände und Arme mit den Worten des Psalmisten:
“ Der Gerechte freut sich in dem Herrn, wenn er solche Rache sieht. Er badet seine Hände im Blut der Gottlosen.“
Der Islam eine blutrünstige Religion???
In dieser religiösen Haltung kann man als Muslim kein Vorbild sehen!
Für Heilige Inquisition und Heilige Kriege und Kreuzzüge können Muslime bis heute keinen haltbaren Anhaltspunkt in ihrer Religion finden.
Die von fanatischen jüdischen, christlichen und muslimischen Hasspredigern immer wieder angeführten „Belege“ aus dem Quran, die einen in der Religion der Muslime verwurzelten Antisemitismus bzw. eine Christenfeindlichkeit aufzuzeigen suchen, besitzen eine gemeinsame
(Dis-)Qualifikation:
Ignorante Oberflächlichkeit!
Die Ideologie des geistigen Terrorismus bereitet dem buchstäblichen Terrorismus den Nährboden. Was hat das mit Islam zu tun? Was hat das mit Religion und mit Religiösität zu tun?
Am Rande sei nur bemerkt, dass die Juden Spaniens in der Zeit der Inquisition nicht Schutz bei ihren christlichen Geschwistern suchten, sondern im muslimischen Nordafrika, dort wurden sie nicht verfolgt.
Der gebetsmühlenartige Vorwurf an die Muslime antiwestlich und antidemokratisch zu sein, ist auch Ausdruck einer Selbstgerechtigkeit, die viel über die Haltung der so genannten Demokraten und der so genannten Westler verrät.
Gibt man in der Internetsuchmaschine „google“ den Begriff „antiwestlich“ ein erhält man ganze 868 Treffer, während bei dem Suchbegriff „antiislamisch“ 2050 Treffer angezeigt werden.
Ist dies nur eine dumme Spielerei ohne Aussagewert? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht!
Aber wie definieren wir heute „Westen“?
Ist „Westen“ mehr als nur eine geographische Bestimmung?
Ist der „Westen“ eine monolithische politische Entität?
Ist der „Westen“ gleich bedeutend mit „Nato“?
Ist „Westen“ eine Ideologie, und wenn ja worauf beruht sie?
Ist die Außenpolitik der USA im Bezug auf die Muslimische Welt heute repräsentativ für „den Westen“?
Ist gar die USA gleichbedeutend mit dem „Westen“?
Ist die postkolonialistische Außenpolitik europäischer Staaten im Bezug auf die Muslimische Welt repräsentativ für „den Westen“?
Ist der Begriff „der Westen“ ein Euphemismus für einen Staatenverbund, der sich über eine gemeinsame Außenpolitik im Bezug auf die Muslimische Welt definiert?
Ist der „Westen“ eine Wertegemeinschaft, und wenn ja für welche Werte steht er?
Bevor einem Muslim Antiwestlichkeit unterstellt werden kann, sollte der Westen sich selbst definieren!
Gleichzeitig muss der „Westen“, wie auch immer er sich selbst wahrnimmt und versteht, akzeptieren, dass keine internationale Konvention darüber existiert, die von Muslimen dieser Erde eine uneingeschränkte pro-westliche Solidarität einfordert. Meinungsfreiheit und souveräne Meinungsbildung sind nicht dem „Westen“ allein vorbehalten.
Das Verhältnis der Staaten untereinander unterliegt anderen Gesetzesmäßigkeiten.
Schließlich ist es ein „Westler“ gewesen, nämlich Charles de Gaulle, dem die Einsicht „Zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, sondern nur Allianzen“ zugeschrieben wird.
Jeder, der Muslimen eine anti-westliche Haltung unterstellt ignoriert willentlich die Präsenz von Millionen von Muslimen in „westlichen Kernländern“, er ignoriert auch die Präsenz muslimischer Mehrheiten in Bosnien, Albanien und dem Kosovo und muslimischer Minderheiten in Griechenland und Bulgarien.
Muslimisches Leben im „Westen“ mit anti-westlicher Grundhaltung ist im besten Fall masochistisch aber fern jeder muslimischen Realität.
Die Präsenz dieser „westlichen“ Muslime belegt, dass es im „Westen“ viel Neues gibt, nur dass der „Westen“ sich nicht daran gewöhnen will. Muslimen eine anti-westliche Einstellung zu unterstellen ist ein unheilvoller Versuch, den „Westen“ muslimfrei zu gestalten!
Einem Muslim fällt es sicherlich schwer sich angesichts der besorgniserregenden Situationen im Irak, in Palästina, in Afghanistan, im Libanon, in Somalia usw. mit dem „Westen“ im Sinne von westlicher Außenpolitik zu identifizieren.
Der „Westen“ fällt in den genannten Gebieten zum einem durch extremistische Passivität und zum anderen durch extremistischen Aktionismus, aber in keinem Fall durch Redlichkeit und Tugend auf. Damit haben auch viele Nicht-Muslime im „Westen“ ein Identifikationsproblem.
Die vermeintliche antiwestliche Haltung der Muslime ist im Grunde genommen eine Ablehnung westlicher Außenpolitik, der es augenscheinlich schwer fällt, sich von ihrem kolonialen Habit, der weiterhin vorzuschreiben sucht, was für Muslime gut und heilsam ist, zu verabschieden.
Wie ausgeprägt dieser Habit immer noch ist, kann man an der Darstellung der Haltung des Westens zur Demokratie in der muslimischen Welt geradezu exemplarisch ablesen, und man kann feststellen, dass nicht Muslime antidemokratisch gesinnt sind, sondern der „Westen“ selbst nicht gewillt ist, wahrhaftige demokratische Prozesse und vor allem demokratische Resultate in der Muslimischen Welt zu ertragen und zu akzeptieren.
Das vom „Westen“ für muslimische Demokratiebestrebungen aufgezeigte Ende der demokratischen Fahnenstange lässt sich, um nur einige Beispiele zu nennen, mit folgenden Personen und Ereignissen verbinden:
Mossadegh im Jahr 1954 im Iran, Menderes im Jahr 1961 in der Türkei, Iran 1979 (bis heute), Parlamentswahlen in Algerien 1991, Parlamentswahlen in Palästina 2006.
Im Gegenzug ist der Hang des Westens, antidemokratische Strukturen in der Muslimischen Welt zu fördern, zu unterstützen und zu pflegen derart ausgeprägt, dass er dafür ein neues, frisches geradezu jungfräuliches politisches Axiom erfunden hat:
Stabilität
Die Frage in wessen Interesse der „Westen“ diese Stabilität bewahrt sehen will, soll an dieser Stelle besser nicht thematisiert werden.
Auf diesem Schafott der westlichen Auffassung von Stabilität ist so mancher demokratisch gesinnter Muslim geendet.
Muslime zu antidemokratischen Wesen zu erklären ist ein weiterer Beleg dafür, dass der „Westen“ nicht gewillt ist, sich von seinem rassistisch geprägten Denken loszulösen, einem Denken, dessen charakteristische Eigenschaft die bigotte Vorgabe ist, im selbstlosen, uneigennützigen Interesse zu handeln.
Es ist diese Heuchelei des „Westens“, die Muslimen ihre natürliche Würde raubt und sie entmenschlicht. Der „Westen“ muss davon ablssen Muslime weiterhin auf dem Wege der „Menschwerdung“ und der „Zivilisation“ zu „assistieren“.
Er muss aufhören Vormund zu sein, denn sein Leumund ist wahrlich nicht ohne Fehl und Tadel.
Etwas weniger scheinheiliges „Moralin“ und etwas mehr Selbstdiagnose stünden dem „Westen“ gerade im Zusammenhang mit der Beurteilung demokratischer Entwicklungen in der muslimischen Welt gut zu Gesicht. Dazu muss der „Westen“ aber zunächst erlernen, die demokratischen Prozesse und die demokratischen Resultate in der muslimischen Welt, die sich jenseits seiner Willkür und seiner Wunschvorstellungen entwickeln, auszuhalten.
Demokratie und Muslime sind miteinander vereinbar und, um hier einen islamischen Rechtsgelehrten zu zitieren, wer das Gegenteil behauptet, „der versteht weder etwas von Demokratie noch vom Islam“.
Der „Westen“ versteht im Augenblick im Hinblick auf die muslimische Welt von beidem gar nichts!
In einer anderen Disziplin versucht sich der „Westen“ mit geradezu Missionarischem Eifer, als Musterschüler für die Muslime zu etablieren.
Der Muslimischen Frauenfeindlichkeit wird die angebliche „westliche“ Frauenfreundlichkeit entgegengesetzt.
Hier ist nicht der Platz, die Stellung der Frau im Islam zu erörtern bzw. darzustellen, da zu diesem Thema sehr viel Material existiert, dass im „Westen“ kaum gelesen wird, es sei denn der Autor trägt den Namen Necla Kelek, Ayyaan Hirsi oder Irschad Manji, und empirisiert eigene Negativ-Erfahrungen, bekennt sich zum Atheismus und ist homosexuell, in diesem Fall lesbisch.
Muslimische Männer sind nicht weniger frauenfeindlich als durch die Schule der Aufklärung gegangene „westliche“ Männer.
Ja, es gibt Muslime, die ihren Frauen schulische Bildung vorenthalten.
Ja, es gibt Muslime, die ihre Frauen prügeln.
Ja, es gibt Muslime, die Frauen entrechten.
Ja, es gibt Muslime, die Frauen als Wesen zweiter Klasse betrachten.
Aber was hat dies damit zu tun, dass diese Verbrecher Muslime sind?
Denn,
Ja, es gibt auch „Westler“, Juden und Christen die ihre Frauen als Menschen zweiter Klasse betrachten,
Ja, es gibt auch „Westler“, Juden und Christen, die ihre Frauen entrechten,
Ja, es gibt auch „Westler“, Juden und Christen, die ihre Frauen prügeln und ihren Frauen eine Bildungschance vorenthalten?
Platzen die Frauenhäuser westlicher Gesellschaften etwa aus allen Nähten, weil dort muslimische Frauen Zuflucht suchen?
Ist die Tatsache, dass Frauenbeauftragte im „Westen“ existieren nicht auch ein Hinweis darauf, dass es um die Stellung der Frau im „Westen“ auch nicht besonders bestellt ist?
Dieses dümmliche Gerede über die Muslimische Frauenfeindlichkeit dient nur dem Zweck, den Islam zu diskreditieren und ihn indirekt, aber auch immer mehr direkt, als ein Grundübel der Rückständigkeit der muslimischen Gesellschaften zu verteufeln.
Frauenfeindlichkeit als Produkt der religiösen Orientierung eines Muslims darzustellen ist nur dann gerechtfertigt, wenn die existierende Frauendfeindlichkeit im so genannten fortschrittlichen „Westen“ ebenso als Produkt einer wie auch immer gearteten „westlichen“ Ideologie festgestellt wird.
Ein Muslim ist nicht frauenfeindlich, weil er Muslim ist, sondern weil er mit unendlicher, beschränkender Dummheit geschlagen ist.
Diese Krankheit der Dummheit verbindet ihn mit dem „westlichen“ Frauenfeind, dem jüdischen Frauenfeind, dem christlichen Frauenfeind, denn auch diesen Frauenfeinden sei unterstellt, dass ihr Fehlverhalten nicht Produkt ihrer „westlichen“ Aufklärung bzw. religiösen Orientierung ist.
Ein Blick in die muslimische Welt erlaubt, darauf zu verweisen, dass frauenfeindliche Verhaltensmuster muslimischer Männer anders erklärt werden muss, als mit der Religionszugehörigkeit.
Anhand des vom „Westen“ gerne als argumentatives Paradebeispiel verwendeten Zustandes des vermeintlichen Bildungsrückstandes der muslimischen Frau , soll verdeutlicht werden, dass der Vorwurf des „Westens“, dass Muslime frauenfeindlich sind, gerade in diesem Bereich der faktischen Realität nicht standhalten kann:
Der „westliche“ Angriff gegen die Taleban in Afghanistan im Jahr 2001 hat in der „westlichen“ Öffentlichkeit in dem Moment große Akzeptanz erfahren, als man der Öffentlichkeit vermitteln konnte, dass dies auch ein Befreiungsfeldzug für die entrechtete muslimische afghanische Frau sei.
Nach dem Krieg konnten Hilfsorganisationen auch für die unsinnigsten Hilfsprojekte in Afghanistan großzügige Geldspenden erwarten, wenn ein Projekt einen Frauenbezug hatte.
Das Regime der Taleban in Afghanistan war nicht nur für Frauen eine dunkle Zeit, aber weder die Situation der Frau in Afghanistan noch die Einstellung der Taleban zu Frauen kann als repräsentativ für die Situation der Frauen in der muslimischen Welt gewertet werden.
Jenseits der politischen Hetz- und Kampfparolen, die Kopftücher zu Kampftüchern degradieren und Frauen als willenlose dem muslimischen männlichen Unwesen ausgelieferte und untertänige Opfern darstellt, existiert gerade im Bildungswesen der muslimischen Welt eine Realität, die im Westen kaum wahrgenommen wird.
Wer weiß schon, dass in dem muslimischen Ägypten 30 % aller Professoren weiblich sind?
Nach einer Statistik aus dem Jahr 1995/96 waren 28.9 % aller Dozenten im FB Humanmedizin, 40.5 %, aller Dozenten im FB Zahnmedizin, 43.3 % aller Dozenten im FB Pharmazie und 13.7 % aller Dozenten im FB Agrarwissenschaft in Ägypten weiblich!
Wer weiß schon, dass im muslimischen Iran weit über 60 % aller Studenten weiblich sind, dass man jetzt über die Einführung einer Männerquote nachdenkt?
Wer weiß schon, dass die iranische Frau erst nach der Islamischen Revolution das Wahlrecht erhalten hat?
Wer weiß schon, dass im muslimischen Katar an der dortigen Dependance der Carnegie Mellon Universität 73 % der Studenten weiblich sind, im allgemeinen Durchschnitt sind es 69 %?
Im muslimischen Algerien sind es 44 %, im muslimischen Ägypten 35 %, im muslimischen Jordanien 45 %, im muslimischen Kuwait 67 %, im muslimischen Oman 50 %, und sogar im muslimischen Pariastaat Sudan sind 45 % aller Studenten weiblich!
(Quellen: UNESCO, The Higher Education System in the Arab States (1993), und Egyptian Supreme Council of Universities (1995-96).
Nach einer Statistik des bundesdeutschen Ministeriums für Bildung und Wissenschaft aus dem Jahr 2001 sind 10 % aller Professoren an deutschen Universitäten weiblichen Geschlechts. Für das Jahr 2005 hatte man sich das Ziel gesetzt, diese Zahl zu verdoppeln, damit würde man aber immer noch hinter dem muslimischen Ägypten aus dem Jahr 1995 liegen!
Hier wird nicht der Versuch unternommen, Missstände gerade im Bezug auf die Behandlung von Frauen in der Muslimischen Welt schön zu reden, denn es gibt Probleme, aber jeder Kritik sollte eine Auseinandersetzung mit den Fakten vorangehen, dann kann Kritik konstruktiv wirken.
Die Muslimisierung bzw. Islamisierung von sozialen Defekten muss aufhören, wenn im „Westen“ das Interesse an Wandel tatsächlich Ernst gemeint ist.
Etwas mehr Demut und etwas weniger kokette Eitelkeit auf Seiten des „Westens“ würden erheblich dazu beitragen, die Gesprächsatmosphäre zwischen dem „Westen“ und der Muslimischen Welt zu verbessern.
Zum Abschluss dieses Themas vielleicht doch noch ein kurzer Verweis in die muslimische Tradition der Familiennamengestaltung. Die erst seit einigen wenigen Jahren existierende Möglichkeit im deutschen (westlichen) Gesetz, einer Frau die Möglichkeit einzuräumen, nach der Heirat ihren Geburtsnamen beizubehalten, ist unter Muslimen seit 14 Jahrhunderten eine religiöse Pflicht. Die muslimische Frau war nie Eigentum ihres Mannes, deswegen muss sie nach islamischer Rechtsprechung auch nicht den Familiennamen ihres Ehegatten annehmen! Infolgedessen kennen Muslime die Gütertrennung auch schon seit 14 Jahrhunderten.
Und Kanzlerinnen und Präsidentinnen haben in muslimisch geprägten Ländern eine längere Tradition als z.B. in Deutschland.
Schenkt man der momentanen Debatte über das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen im europäischen Kontext Beachtung, so wird man feststellen, dass im Zentrum der gesellschaftlichen Debatten, die vermeintliche Muslimische Integrationsfeindlichkeit steht.
Die innerdeutsche Integrationsdiskussion wird von Begriffen wie „Leitkultur“ (Lammert) und absonderlichen Aussagen wie „Kirchtürme statt Minarette“ (Koch) „Wer hier lebt, der muss sich auch anständig benehmen“ (Söder). „Deutschland und Europa sind von christlich-abendländischen Werten geprägt, nicht von Dschihad und Scharia.“ „Hier gilt das Grundgesetz, nicht die Scharia“ “ (Stoiber) beherrscht.
Was verbindet die Mehrheitsgesellschaft eigentlich mit dem Begriff „Integration“?
Ist sie überhaupt bereit, im soziologischen Sinn von Integration eine Minderheit in ihre soziale Mitte aufzunehmen?
Ist sie in der Konsequenz gewillt die Herstellung eines Neuen Ganzen zuzulassen?
Ist sie geneigt die Einbindung von Muslimen in ihrer Gesellschaft unberührt, ganz und unversehrt zuzulassen, denn dies ist der eigentliche Sinn des griechischen Begriffes „entagros“ von dem sich der Terminus „Integration“ ableitet?
Bereitwillige Integrationsfreundlichkeit seitens der Mehrheitsgesellschaft ist Voraussetzung dafür, dass Integration gelingt.
Interpretiert man die obigen Zitate, dann kommt man zum Schluss, dass mit „Integration“ Assimilation, Unterwerfung und Entfernung vom Islam gemeint ist. Davon ist jedoch ein Muslim, der seinen Glauben Ernst nimmt weit entfernt.
Eine Integrationsbereitschaft der aufnehmenden Gesellschaft setzt auch voraus, dass die Worthülse „Integration“ mit Inhalten gefüllt wird, die aussagekräftiger sind als obige Bierzeltparolen.
Der an Muslime gerichtete Vorwurf der Integrationsfeindlichkeit ist nicht haltbar, solange die Mehrheitsgesellschaft sich nicht veränderungsbereit zeigt. Für einen Muslim in einer mehrheitlich nicht-muslimischen Gesellschaft zu leben ist gleichermaßen eine Herausforderung, wie die Bereitschaft der Mehrheitsgesellschaft, Muslime in ihrer Mitte leben zu lassen.
Das Problem vor dem Muslime und Nicht-Muslime in Deutschland stehen ist die Tatsache, dass sich in einer sich globalisierenden Welt, die Statik volksethnisch geprägter Gesellschaften verändert.
Durch den Islam wird ein Muslim zum bekennenden Weltbürger erzogen, dies ist der Gedanke, der dem Begriff „Ummah“ zugrunde liegt. Im Islam daheim, aber in der Welt zuhause!
Ein Muslim muss sich nicht nur gegenüber seinen Glaubensgeschwistern als Muslim verhalten, er muss sich auch gegenüber Nicht-Muslimen als Muslim verhalten, und er kann dies nur tun, wenn er seiner Religion Folge leisten kann und darf, ohne dafür kriminalisiert zu werden.
Ein Muslim kann seine Religion nicht abstreifen, wie einen Mantel, er wird dazu aufgefordert der quranischen Prämisse „gebieten, was recht ist, und verbieten, was verwerflich ist“ zu folgen, und er ist dazu verpflichtet, dieses unabhängig von seinem Aufenthaltsort zu tun.
In der Tat kann diese muslimische Position zu Problemen führen, weil die Beurteilung eines Sachverhaltes durch einen Muslim sich im Gegensatz zu einer von einer Mehrheit definierten Auffassung befinden kann. Dies sollte eine Gesellschaft, die Meinungsvielfalt als Bestandteil ihrer demokratischen Grundordnung versteht, aber aushalten können.
Es ist falsch diese Orientierung eines Muslims an seinem „inneren Maßstab“, ein vom ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker geprägter Begriff, als Integrationsverweigerung zu verstehen. Gegen den Strom zu schwimmen, kann nämlich sehr anständig sein, auch wenn dies ein Herr Söder (s. o) anders sehen mag.
Unterordnung per Anordnung ist nicht in Ordnung!
Der Respekt vor der Verfassung, dem Grundgesetz, die Beachtung der Rechtsvorschriften, die Beachtung der allgemeinen Umgangsregeln ist für Millionen Muslime in Deutschland und Europa eine Selbstverständlichkeit. Ein Muslim wird durch seine Religion aufgerufen, sich dem Land gegenüber, in dem er sich aufhält, loyal zu verhalten. Dies bedeutet aber nicht Kadavergehorsam, sondern diese Loyalität zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich als eine kritische Loyalität offenbart!
Dies führt natürlicherweise zu Reibungsmomenten und Auseinandersetzungen in Gesellschaften, die von einem „Religiösen Analphabetismus“ geprägt sind.
Es ist dieser Analphabetismus, dem sich Muslime bewusst nicht beugen, denn „Muslime in Europa ohne Islam“ kann es nicht geben.
Ein Schweizer Muslim mit ägyptischem Hintergrund hat das Eigenverständnis muslimischer Präsenz folgendermaßen definiert:
„I am Swiss by nationality, Muslim by religion, Egyptian by memory and European by culture.”
Wenn die Mehrheitsgesellschaft begreifen würde, welcher geistiger Reichtum und welche freimütige Offenheit in diesem Satz verborgen sind, dann könnte die Integrationsdebatte endlich niveauvoll und jenseits der schrecklich hohlköpfigen Auseinandersetzung um das Kopftuch, der simplistischen Ehrenmord- und Zwangsheiratsdebatte, der Kriminalisierung von Scharia, der islamischen Gesetzgebung und allem was damit an muslim-feindlicher und dümmlicher Betrachtungsweise des muslimischen Lebens zusammenhängt, geführt werden.
Muslime sind integrationsbereit, aber nicht nur im materiellen Sinne, sondern sie wollen auch jenseits finanzieller Kosten-Nutzenrechnungen ihren Beitrag in der Gesellschaft, in der sie leben, leisten.
Ist die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft bereit, diesen muslimischen Beitrag anzuerkennen, anzunehmen und darauf einzugehen, ohne das Lied der schleichenden muslimischen Unterwanderung anzustimmen, und ohne einer muslimischen Position Minderwertigkeit zu unterstellen?
Muslim zu sein bedeutet nicht, minderwertig zu sein, auch wenn im „Westen“ diese Ansicht verbreitet sein mag. Muslime nehmen sich selbstverständlich nicht als minderwertige Wesen wahr.
Kein Mensch wird als minderwertiges Wesen geboren. Minderwertigkeit an der religiösen Orientierung eines Menschen festzumachen ist genauso falsch, wie in einem religiösen Bekenntnis einen menschlichen Mehrwert und / oder eine Auserwählung zu erkennen.
Der Superioritätskomplex ist die gegenwärtige Krankheit des Westens und steht im eklatanten Widerspruch zur muslimischen Selbstwahrnehmung
und -verpflichtung.
Muslim zu sein bedeutet, um Gerechtigkeit bemüht zu sein, denn wenn man eine zentrale Eigenschaft im muslimischen Charakter benennen müsste, würde man an dem Begriff „Gerechtigkeit“ nicht vorbeikommen können.
Der Quran ist in dieser Hinsicht eindeutig und aus diesem Grund sei hier aus ihm zitiert:
„O ihr, die ihr glaubt! Setzt euch für Allah ein und seid Zeugen der Gerechtigkeit. Und der Hass gegen eine Gruppe soll euch nicht (dazu) verleiten, anders als gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist der Gottesfurcht näher. Und fürchtet Allah; wahrlich, Allah ist eures Tun kundig.“ (Sure 5 „Al-Maida“, Vers
An einer anderen Stelle im Quran heißt es:
„Wahrlich, Allah gebietet, gerecht (zu handeln), uneigennützig Gutes zu tun und freigebig gegenüber den Verwandten zu sein; und Er verbietet, was schändlich und abscheulich und gewalttätig ist. Er ermahnt euch; vielleicht werdet ihr die Ermahnung annehmen.“ (Sure 16 „An-Nahl“, Vers 90)
Ein Muslim ist dazu aufgerufen sich für den Triumph der Gerechtigkeit einzusetzen, selbst wenn dieser Einsatz seinen angeblichen Eigeninteressen zuwider zu laufen scheint.
Vielleicht ist hier der zentrale Konfliktpunkt zwischen dem so genannten „Westen“ auf der einen Seite und den Muslimen auf der anderen Seite der seit dem Beginn der Kolonialzeit existierenden Ungleichung.
„Westliche“ Außenpolitik im Bezug auf die Muslimische Welt wird von einem zentralen Kardinalfehler geformt, der zwar vom „Westen“ als Objektivität angepriesen wird, aber in der Realität einer anderen Anordnung Folge leistet:
Dem Doppelten Standard!
Es ist dieser doppelte Standard, durch den der „Westen“ Muslime kontinuierlich zu minderwertigen Menschen degradiert.
Es ist dieser doppelte Standard, der unter Muslimen Feindseligkeit gegenüber und Abneigung für den „Westen“ erzeugt.
Es ist dieser doppelte Standard, der Menschen in verzweifelte, aber eindeutig kriminelle Selbstmordattentate treibt, weil sie glauben keinen anderen Ausweg zu haben.
Es ist dieser doppelte Standard, der Extremismus einen fruchtbaren Nährboden bietet.
Der Kipling´sche Satz “East is East and West is West, and the twain shall never meet” ist keine natürliche Gott gegebene und unveränderbare Realität, aber es ist dieser doppelte Standard, der diese Realität hervorzubringen sucht.
Der Umgang mit der Palästinafrage, die einseitige Haltung zu Israel, der Einmarsch im Irak, der Angriff auf Afghanistan, die Kriminalisierung von demokratisch gewählten Regierungen in Ländern mit muslimischen Mehrheiten, die Kriminalisierung von Muslimen durch die Politik und in den Medien, die Unterstützung von Unrechtsregimen in muslimischen Ländern, die die eigene Bevölkerung für die Ergebung in westliche Politikdiktate bluten lässt, und aktuell die totale Verweigerung das staatsterroristische Vorgehen Israels gegen den Libanon zu verurteilen, geschweige denn dagegen einzuschreiten, sind nur einige wenige Beispiele der letzten sechzig Jahre, in denen der „Westen“, seinen Superioritätskomplex zu manifestieren suchte und sucht.
All dies geschieht im Namen einer Gerechtigkeit, von der jedoch schon Platon bemerkte: „Die schlimmste Art von Ungerechtigkeit ist vorgespielte Gerechtigkeit.“
Die Haltung „…gerecht zu handeln, uneigennützig Gutes zu tun….“ ist in einem Zeitalter der Zurschaustellung von Macht durch brutale Gewalt offensichtlich fehl am Platz und wird vielleicht gerade deshalb vom „Westen“ als muslimische Minderwertigkeit fehl interpretiert.
Die westliche Justitia ist nur scheinbar schön und blind, in Wirklichkeit ist sie hässlich, unausgewogen und rassistisch.
Ein Vorbild für Muslime ist sie in ihrer Minderwertigkeit nicht!
Die Wahrnehmung von Muslimen als minderwertige Menschen durch den „Westen“ ist Ausdruck einer dem Rassismus zugrunde liegenden Geisteshaltung, die, spätestens seit der so genannten Reconquista Spaniens, nicht nur versucht, Muslimische Gestaltungs- und Schaffenskraft zu negieren, zu verleugnen und zurückzuweisen, sondern sie versucht darüber hinaus den Islam als eine wertlose Religion zu diskreditieren.
Aus diesem Grund ist dieses Vorurteil besonders gut dafür geeignet, die gewaltsame Aufoktroyierung westlicher Politik und westlicher Denkdiktate als einen Dienst an der Muslimischen Welt zu vermitteln.
Mit diesem in der Ideologie des Kolonialismus verwurzelten Denkmuster, erlaubt es sich der „Westen“ im Gewand des Edelmütigen eine „New World Order“ zu proklamieren.
Das Blutopfer, das Muslime für diese experimentelle und undurchdachte Neuordnung erbringen, wird vom „Westen“ offensichtlich als vertretbares Abfallprodukt, da von minderer Qualität, betrachtet.
Wer den tausendfachen Tod von Muslimen, die Zerstörung zivilgesellschaftlicher Strukturen als „kreatives Chaos“ und „Geburtswehen“ (beide Zitate von C. Rice) und den Tod von 500.000 irakischen Kindern als „akzeptablen Preis“ (M. Albright) für den Fall eines Diktators, der unter keiner Sanktion zu leiden hatte, zu beschönigen sucht, ist weit davon entfernt, den eigenen Größenwahn zu erkennen, aber offensichtlich dem Geistesgut anheim gefallen, Muslime als minderwertige Menschen zu betrachten.
Frage:
Wäre es im „Westen“ denkbar, die Mordexzesse einer anderen, dunklen Zeit, denen Nicht-Muslime zum Opfer gefallen sind im selben kreativen Licht zu sehen???
Das Bild von der Minderwertigkeit von Muslimen findet seinen Niederschlag in den „westlichen“ Medien, in denen Muslime selten als menschliche Individuen, sondern fast immer als Bedrohungsmasse und als emotionsgeladener fanatisierter Mob portraitiert werden.
Die Macht des Bildes wird bewusst dazu eingesetzt, Muslime einem breiten, bereits verschreckten und verängstigten Publikum als elementare Bedrohung westlicher Kultur und westlicher Lebensweise zu präsentieren.
In einem Bericht des Magazins „Stern„ vom 09.02.2006 über die muslimischen Proteste gegen die Veröffentlichung der Karikaturen über den Propheten des Islam wurden 12 kommentierte Fotos veröffentlicht.
Ein Auszug aus den Kommentaren:
Bild:
BEIRUT Ein Geistlicher heizt die Stimmung aufgebrachter Gläubiger in der libanesischen Hauptstadt an. Das dänische Konsulat steht bereits in Flammen
Bild:
DAMASKUS Unter den Augen des Regimes Demonstranten haben in der syrischen Hauptstadt die dänische Botschaft gestürmt und angezündet. Es war der Aufruhr in einem Land, das sonst jede einzelne Kundgebung kontrolliert.
Bild:
LONDON Eine verschleierte Frau droht dem Rest der Welt auf einem Plakat mit dem „wahren Holocaust“
Bild:
LAHORE Wut auf die angeblichen Freunde Auch in Pakistan gehört das Verbrennen von Flaggen zum Ritual der Demonstranten. Das Land zählt zur westlichen Allianz gegen den Terror, doch der Einfluss der radikalen Muslime wächst
Bild:
NEU-DELHI Entrüstung auch in Indien. Ein Student brüllt Parolen gegen den Westen. Im Hindu-Staat Indien leben 145 Millionen Muslime. Das Land hat nach Indonesien und Pakistan die meisten Koran-Gläubigen der Welt.
Die Kommentare transportieren ein Zerrbild, dass dem Leser Angst vor muslimischen Geistlichen, Angst vor säkularisierten muslimischen Staaten, Angst vor verschleierten Frauen in der Mitte „westlicher“ Gesellschaften, Angst vor den mit dem „Westen“ verbündeten muslimischen Staaten und Angst vor „Koran-Gläubigen“ Minderheiten einflössen soll.
Diese Form des „objektiven“, etwas anderen Bildersturmes westlicher Medien blendet indem sie ausblendet, dass z.B. zu diesem Anlass in ganz Europa Muslime friedlich demonstriert haben.
Objektivität wird lästig, wenn es darum geht Muslime zu dämonisieren.
Objektivität wirkt hindernd, wenn Stimmungsmache und Politik identisch werden.
Zum Objektivitätsverlust und -abbau gehört auch, dass man Angst vor Reisen in muslimische Länder schürt, denn wer sich selbst kein Bild von den tatsächlichen Lebenssituation in muslimischen Ländern machen kann, kann auch schneller Opfer der scheinbaren Medienexpertise werden; das wiederum nutzt der Politik.
Aber wie gefährlich ist das Reisen in die muslimische Welt tatsächlich?
Nach einer Statistik der UN aus dem Jahre 1998 passierten in den christlichen USA hochgerechnet auf je 100.000 Einwohner 9.4 Morde, im christlichen Sao Tome sind es 23.8 Morde, im russisch orthodoxen Russland sind es 30,6 Morde, im katholischen El Salavdor sind es 13.4. im katholischen Kolumbien sind es sogar 80.0 und im Touristentraum Bahamas 10.8 Morde.
Im muslimischen Ägypten sind es 0.5 Morde und im muslimischen Bahrain sind es 0.4 Morde auf 100.000 Einwohner.
Nach einer Statistik der “National Safety Council’s 1998 Accident Facts” kamen im Jahr 1996 in den USA 1.500 Personen durch den Einsatz von Schusswaffen zu Tode. Besonders betroffen waren die Altergruppe der 15-24 jährigen und die Altersgruppe der 24-44 jährigen Personen, mit jeweils 450 Todesfällen.
Hochgerechnet auf einen Zeitraum von vier Jahren, sind mehr Amerikaner durch den Einsatz ihrer Schusswaffen umgekommen, als durch die Anschläge vom 11.September 2001.
Die einseitige und negative Darstellung von Muslimen ist das Fundament auf dem man politische Programme entwickeln kann, um Staaten wie Irak, Syrien und Iran als Reich des Bösen zu disqualifizieren.
Mit derartigen Umschreibungen versucht der „Westen“ Länder zu entkulturalisieren und zu barbarisieren, damit Mogelpackungen wie „Enduring Freedom“ zum globalen Verkaufsschlager avancieren, obwohl sie nur „Enduring Death“ und „Enduring Devastation“ hervorbringen.
Im Kontrast zum muslimischen „Reich des Bösen“ erobert sich der „Westen“ das Antlitz des „Reich des Guten“.
Selbstdefinition und positive Profilierung durch Verunglimpfung des Anderen, Schwarzweißmalerei als Ersatz für fruchtbare politische Auseinandersetzung.
Androhung und Durchführung von Sanktionen und Gewaltmaßnahmen, die in ihrer Wirkung, unabhängig von ihrer Berechtigung, fast ausschließlich Zivilisten treffen.
Das vermeintliche Reich des Guten arbeitet mit bösen Mitteln, wenn
es mit schauderlichster Polemik den Sturm auf die muslimische Bastille des Bösen bläst.
Mit gefälschtem Bildmaterial wird um Unterstützung gebuhlt.
Auf der Grundlage von Irreführungen werden Allianzen geschmiedet.
Zur Erreichung fragwürdiger Ziele wird Politik durch Brandmarkung ersetzt, um Flächenbrände zu legen.
Geduld erfordernde Diplomatie, die aber eine Anerkennung von Gesprächspartnern voraussetzt, wird dadurch vereitelt, dass man Gesprächspartner nicht anerkennt, denn das vermeintlich „Gute“ ist zu erhaben, als sich mit dem deklarierten „Bösen“ an einen Tisch zu setzen.
Nach der Ausschaltung des Parias Irak und der Schaffung einer irakischen Destruktionsgesellschaft wird die Kimme auf Syrien und den Iran gerichtet.
Syrien existiert nur noch als Unterstützer so genannter terroristischer Organisationen, Iran wird zum Atommeiler reduziert und darüber hinaus als Schurkenstaat definiert, der internationale Konventionen missachtet. Das sich in der „Allianz der Guten“ ein Staat wie Israel befindet, der im Zeitraum von 1955-1992 mehr als 65 UN-Resolutionen missachtet hat, wird wohl wollend und wissentlich akzeptiert. Respekt vor dem Gesetz ist Pflicht für Kriminelle, nicht für die, die kriminell handeln, denn das Gute kann nicht kriminell handeln!
Es ist diese Darstellung, die es möglich macht, Öffentlichkeiten darauf vorzubereiten, dass die Hauptstädte und Städte des Bösen mit Bombenteppichen überzogen werden können, denn dies suggeriert, dass keine Menschen getötet werden, es wird nur das “Böse“ vernichtet!
Es ist diese Darstellung, die es möglich macht, ganze Bevölkerungen zu enthumanisieren, damit mögliche Bombardements angenommen werden können, damit Massentötung als gute Tat idealisiert werden kann.
In diesem wohl vorbereiteten Kontext spielt es keine Rolle mehr,
dass es im Iran 30-35.000 Juden gibt,
dass es allein in Teheran 11 aktive Synagogen,
zwei Restaurants mit koscherem Essen,
ein Jüdisches Krankenhaus und
einen jüdischen Friedhof gibt,
dass es einen jüdischen Parlamentsabgeordneten gibt,
dass Khomeini eine „fatwa“ zum Schutz der Juden im Iran verfasst hat, dass in den Städten Esfahan – mit 16 Synagogen ! – und in Schiraz ein ausgeprägtes jüdisches Gemeinwesen existiert,
dass in der Zentralsynagoge von Schiraz zum Sabbath mehr als 500 Gläubige an den Gebeten teilnehmen?
Syrien in das Reich des Bösen aufzunehmen ist geradezu eine Verniedlichung des Bösen, denn nach dem verlorenen Krieg von 1967 und dem Verlust der Golanhöhen und dem Rückzug aus dem Libanon, hat sich Syrien aller Rhetorik zum Trotz als Papiertiger erwiesen. Furcht vor der Gefahr ist schrecklicher als die Gefahr selbst besagt ein afrikanisches Sprichwort. Mit der Furcht vor der Gefahr lässt sich jedoch wunderbar furchtbare Politik machen.
In diesen Ländern wird man als „mutiger“ Besucher aus dem „Westen“ mit einer Wärme empfangen, die einem die Schamesröte ins Gesicht treibt, weil man feststellt, dass man im „Reich des Bösen“
auf Menschen und nicht auf fanatisierte und auf Hass programmierte Roboter trifft,
am Wochenende Menschen entspannt promenieren und nicht hasserfüllt demonstrieren sieht,
ohne Probleme religiöse und historische Stätten besuchen darf.
Impressionen, die ein „Stern“ nicht vermitteln kann oder will, weil er sich wie ein „Schwarzes Loch“ verhält!
Wie soll es weitergehen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen?
Allen bestehenden Vorurteilen über den Islam und Muslime zum Trotz, müssen Muslime mit Entschlossenheit gegen diese und viele andere Vorurteile vorgehen und initiativ bleiben bzw. werden.
Muslime müssen sich gleichzeitig von der weit verbreiteten Opfermentalität lösen, weil diese Lähmungsprozesse und Aggressionsprozesse aktiviert, die absolut hinderlich sind, wenn sie mit dem „Westen“ ins Gespräch kommen wollen, sie im „Westen“ , aber auch gegen den „Westen“ bestehen wollen.
Neues Selbstbewusstsein muss aber nicht wie ein Banner getragen werden, sondern in einer natürlichen Selbstverständlichkeit gelebt werden.
Und der „Westen“?
Der „Westen“ muss begreifen, dass er Muslimen auf Augehöhe begegnen muss, wenn er keine weiteren Konflikte heraufbeschwören will. Diese Begegnung auf Augenhöhe ist kein Abstieg, sondern ein Aufstieg, keine Verbeugung vor dem Muslim und keine Huldigung des Muslimischen, es ist eine menschliche Selbstverständlichkeit.
Die Verwerfung von Vorurteilen, Verblendungen und Parteilichkeit, wäre ein erster Schritt.
Der Kipling´sche Satz “East is East and West is West, and the twain shall never meet” ist heimtückisch, weil er die Tatsache der vielfältigen, seit Jahrhunderten andauernden, konstruktiven und gegenseitig befruchtenden Begegnungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, zwischen „westlicher Welt“ und „muslimischer“ Welt, verneint und nicht erkennt. Der „Westen“ muss erkennen, dass diesem Satz ein Ungeist zugrunde liegt, dessen er sich entledigen muss, will er von Muslimen als vertrauenswürdiger, rechtschaffener und zuverlässiger Gesprächspartner Ernst genommen werden.
Akzeptanz des Reichtums der Diversitäten in Gleichberechtigung statt einer blassen, ausdruckslosen Uniformität, denn
„Es ist Unsinn, Türen zuzuschlagen, wenn man sie angelehnt lassen kann“.
Zum Abschluss ein Zitat aus der fünften Sure „Al-Maida“, Vers 48, dass nicht nur Muslimen als Augenöffner dienen sollte:
„Und wenn Allah gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern. Zu Allah werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins wart.“
Dieses Plädoyer für Diversität an Stelle von Uniformität könnte der Ausgangspunkt, vielleicht sogar eine Deklaration, für ein neues „Wir“ zwischen dem so genannten „Westen“ und der so genannten „Muslimischen Welt“ sein.
M. Belal El-Mogaddedi
03.August 2006