„Dumme Gedanken hat jeder,
nur der Weise verschweigt sie.“
Wilhelm Busch
Sehr geehrter Herr Innenminister Schäuble,
der Sommer ist in Deutschland ins Wasser gefallen, es stürmt, regnet und donnert, vielleicht ist dies der inspirative Anlass für Ihren vorherbstlichen Geistesblitz in Sachen Terrorabwehr und innerer Sicherheit.
Ein Handy- und Internetverbot für so genannte „Gefährder“ und als Sahnehäubchen oben drauf der vorsorgliche Abschuss derselben, dies ist schon ein spannendes Paket, das Sie da zu schnüren versuchen. Übrigens der Begriff „Gefährder“ sollte von Ihnen abschließend definiert werden, denn wenn Sie darunter potentielle Terroristen verstehen, dann sind doch alle in diesem Land lebende Menschen denkbare Gefährder, Sie eingeschlossen, oder muss man einer bestimmten Religion angehören, um als „Gefährder“ eingestuft zu werden.!
Dass die von Ihnen erdachten Verbote in der praktischen Umsetzung daran scheitern werden, weil die Polizeikräfte, angesichts der steten Personalreduzierung, gar nicht in der Lage sind, derartige Verbote durchzusetzen, daran haben Sie augenscheinlich nicht gedacht. An die gesetzlichen Hürden, die sich Ihnen entgegenstellen, erinnere ich gar nicht mehr, denn Gesetze ändert man ganz einfach, wenn man sie schon nicht ignorieren darf, dann hat alles wieder seine Richtigkeit, frei nach dem Motto „Was kümmert mich mein Geschwätz -pardon- Gesetz von gestern“.
Apropos Stelleneinsparungen im Bereich der Polizei, steckt dahinter eigentlich Kalkül, um auf diese Weise den Einsatz der Bundeswehr im Inneren als unabdingbare Notwendigkeit zu postulieren?
Aber zurück zu Ihrem Thema, der Inneren Sicherheit!
Einige Ihrer Parteikollegen, die sich auf Ihre Seite schlagen, entpuppen sich seit einigen Tagen als große Anwälte der Freiheit des Denkens. Hoffentlich ist damit nicht nur „ihr“ Denken gemeint, denn ich möchte an dieser Stelle diese Freiheit ausdrücklich auch für mich in Anspruch nehmen und Ihnen als in Deutschland integrierter Muslim einige bedenkenswerte und freundlich gemeinte Vorschläge unterbreiten:
Anstatt eines schwer durchzusetzenden Internet- und Handyverbotes vernäht man am besten allen Gefährdern, die natürlich vorher im Rahmen einer Fragebogenaktion – mittlerweile haben wir in diesem Land ja einschlägige Erfahrungen mit derartigen Unternehmungen – erfasst worden sind, die Augenlider und ihre Ohren verstopft man mit einer Art Dauer-Ohropax, selbstverständlich alles unter ärztlicher Aufsicht, wir leben ja in einem Rechtstaat. Falls kein Arzt zugegen sein sollte, „Tackern“ ginge auch, ist aber schmerzhafter!
Diese Vorgehensweise hätte den großen Vorteil, dass der so eingeschränkte „Gefährder“ inaktiviert und damit gleichzeitig auf die Hilfe Dritter – möglicherweise ebenfalls potentielle Gefährder- angewiesen sein wird, „Get two, three or even four for the price of one“ würden Ihre und die übrigen Anhänger US-amerikanischer Sicherheitsgesetze verzückt rufen können!.
Hasspredigern kann man als Option die Lippen zunähen oder s.o. zutackern, die moderne medizinische Ernährungstechnologie wird ein Verhungern zu verhindern wissen, und wenn es wider Erwarten doch Komplikationen geben sollte, sei es drum, wo gesägt wird fallen Späne.
Falls auch diese rechtschirurgischen Eingriffe den Aktivitäten eines „Gefährders“ nicht Einhalt gebieten können, können wir immer noch auf notwendige chirurgische Amputationen zurückgreifen, wie sie in Guantanamo von Ihren amerikanischen Partnern praktiziert werden, sozusagen „Kollateralschäden des Inneren“. Yes Sir! Am besten statten Sie für alle Fälle die von Ihnen geplanten Internierungsstätten gleich mit einer kleinen operativen Einrichtung entsprechend aus. „Piece-keeping“ statt „Peace-keeping“, und Stück für Stück wird der Rechtsstaat von Innen ausgehöhlt, Verzeihung an die neuen Herausforderungen adaptiert !
Das vorsorgliche Töten von „Gefährdern“, wie es auch von Ihrem Kollegen Norbert Geis so leidenschaftlich propagiert wird, ist letztlich auch keine richtige Lösung, wenn es um die Sicherheit der hier in Deutschland lebenden, schutzbedürftigen Menschen geht; Schließt Ihr Verständnis vom schutzbedürftigen Menschen mich als Muslim eigentlich ein???
Vor 2000 Jahren ist der gute Herodes das Gefährderproblem viel eigenwilliger – und effektiver – angegangen, er hat in Bethlehem gleich alle Gefährder gewissermaßen entpotenzialisiert.
Vielleicht kein gutes Beispiel, weil wir doch in einem säkularen Land leben und jegliche Bezugnahme auf eine Religion unangebracht ist. Kein Problem Herr Schäuble, weitere ein tausend Jahre in die Geschichte zurückgeblickt wird man auf den guten alten Pharao stoßen, der hatte die Herodisierung der Innenpolitik schon viel früher erfunden, allerdings, viel geholfen hat ihm das auch nicht, Gefährder sind phantasievolle Menschen, sie sind ein bisschen wie Unkraut, einfach nicht totzukriegen !
Mit dem klangvollen Begriff „Herodisierung“ könnten Sie Ihrem Parlamentskollegen Guido Westerwelle, der das böse Wort der „Guantanamoisierung der Innenpolitik“ in die Diskussion gebracht hat, ein Schnippchen schlagen. Im Wort Herodisierung steckt das feine englische Wort „Hero“, zu deutsch „Held“, und genau das erstreben Sie doch, ein Held der Inneren Sicherheit zu sein, nicht wahr?
Bitte beachten Sie bei den diversen Gesetzesänderungen, grundgesetzliche eingeschlossen, diese multi-ideologisch, multi-ethnisch und multi-religiös zu formulieren, damit sich keiner der in diesem Land lebenden Menschen ausgegrenzt fühlen kann, denn es bleibt doch dabei, die Würde des Menschen, das schließt Muslime ein, ist unantastbar, oder doch nicht?
Abschließend möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, dass mich an Ihrer Gedankenfreiheit, diese schließt bekanntlich alle, also auch geistesarme Gedanken mit ein, doch etwas beunruhigt.
Haben die Eiferer dieser Welt nicht auch irgendwann in ihrem Leben damit begonnen die zu Ihrer Verteidigung von Ihrer Parteikollegin Angela Merkel ins Feld geführte Gedankenfreiheit für feuergefährliche Gedankenflüge – bitte entschuldigen Sie das unbeabsichtigte Wortspiel – zu missbrauchen?
Sind abstruse Gedanken nicht die Grundvoraussetzung für die schauderlichsten Handlungen?
Sollte man in einer Position der öffentlichen Verantwortung nicht zu allererst die Konsequenzen bedenken, bevor ein gesponnener Gedanken den Weg in die Öffentlichkeit findet?
Manches Hirngespinst dürfte das Licht der Welt einfach nicht erblicken, dazu zähle ich mit Verlaub auch das Ihrige!
mit freundlichen Grüßen
M. Belal El-Mogaddedi
10.07.2007
Juli 12, 2007 um 11:31 |
„Schließt Ihr Verständnis vom schutzbedürftigen Menschen mich als Muslim eigentlich ein???“
Das frage ich mich auch immer wieder ängstlich.