Warum keine Freude aufkommt! – Zum Tode Saddam Husseins

„Glanz und Ehren mit Hochmut gepaart, ziehen sich selbst ins Verderben“. Lao-tse

Am 30.12.2006 wurde Saddam Hussein der frühere Präsident des Iraks hingerichtet.

Vorausgegangen war ein Prozess, dessen Ausgang bereits am ersten Prozesstag feststand.

Dem Prozess war ein äußerst fragwürdiger Krieg vorausgegangen, der bis heute kein Ende gefunden hat.

Dem Krieg war eine monatelange politische Farce vorausgegangen, die die Lüge zum zentralen und vielerorts hoffähigen Bestandteil von Globalpolitik gemacht hat.

Mit der Hinrichtung von Saddam Hussein wird die gegenwärtige US-amerikanische Regierung das Kapitel Irak nicht schließen können, denn der Irak entzieht sich ihrer Kontrolle. Offiziell hat das Bush-Abenteuer im Irak bis zum 31.12.2006, 3000 amerikanischen Militärangehörigen das Leben gekostet und die Verluste werden nicht mit dem Ende des Jahres 2006 aufhören. Von den mittlerweile über 650.000 irakischen Opfern, die dieser unsinnige Krieg bislang gekostet hat, ganz zu schweigen.

Eine vollendete Mission sieht anders aus!

Der Irak entzieht sich der Kontrolle einer irakischen Regierung, die mit jedem Attentat im Irak an Glaubwürdigkeit und Ansehen verliert. Eine fehlgeleitete Innenpolitik hat Sunniten gegen Schiiten aufgehetzt, ethnische Säuberungen zur alltäglichen Realität gemacht und der Saat für die Aufteilung eines Iraks in drei Zonen den fruchtbaren Boden bereitet. Premier Nur-al-Maliki herrscht über den Irak, aber tatsächlich kann er sich nur in „Bagdadistan“ frei bewegen, trotz einer Streitmacht von über 180.000 Besatzungstruppen.

In Licht getauchte Neuanfänge sehen anders aus!

Ein Saddam Hussein verdient kein Mitleid, kein Verbrecher dieses Ausmaßes verdient Sympathie. Dennoch bleibt ein schaler und bitterer Nachgeschmack.

Seine Verurteilung zum Tode gründet sich auf die Tötung von 148 Menschen im Jahr 1982. Diese Tat mag mit dem Todesurteil gesühnt worden sein, aber eine Aufarbeitung seiner diktatorischen Herrschaft ist damit nicht erfolgt. Viele innen- aber auch außenpolitische Geschehnisse seiner Schreckensherrschaft werden nun nicht aufgeklärt werden können. Saddam Husseins Tunnel zu seinen politischen Freunden auch und gerade im „westlichen“ Ausland werden nun leise und unter Ausschluss der Öffentlichkeit zugeschüttet; Spuren werden verwischt.

Aufrichtige Vergangenheitsbewältigung sieht anders aus!

Saddam Hussein ist bestraft worden, aber ob ihm Gerechtigkeit widerfahren ist, diese Frage stellen nicht nur Laien.

Die „westliche“ Irakpolitik ist geprägt von Heuchelei, wie es die „westliche“ Unterstützung des irakischen Diktators in seinem Krieg gegen den Iran in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat offensichtlich werden lassen.

Die „westliche“ Irakpolitik ist auch geprägt von Gleichgültigkeit gegenüber der von ihnen verursachten Opfer, sofern es sich bei den Opfern der eigenen Außenpolitik nicht um US-Amerikaner und um „Westler“ handelt. Im Jahr 1991 ließ General Colin Powell, der spätere US-amerikanische Außenminister wissen, dass es ihn nicht sonderlich interessiere, wie viele irakische Zivilisten unter den mehr als 200.000 Toten zu zählen waren, die der Krieg „Desert Storm“ verursacht hatte. Die US-amerikanische Außenministerin Madeleine Albright bezeichnete im Jahr 1996 die Zahl von 500.000 irakischen Kindern, die Opfer der US-amerikanischen Sanktionspolitik wurden, als angemessenen Preis für die Eingrenzung Saddam Husseins.

Unrechtsbewusstsein und Achtung für Menschenrechte sieht anders aus!

Es gibt Iraker, denen Saddam Hussein unendlich viel Leid zugefügt hat, daran besteht kein Zweifel. Es gibt Iraker, die sich über den Tod des Diktators freuen und auf den Straßen tanzen. Es gibt Politiker, die angesichts der im Fernsehen übertragenen letzten Lebensminuten von Saddam Hussein Genugtuung empfinden, dies schließt auch die ein, die die Todesstrafe aus Prinzip ablehnen.
Es gibt Menschen, die den Tod Saddam Husseins beweinen. Es gibt Politiker, die um ihn staatlich trauern. Es gibt Menschen, die darauf hinweisen, dass Saddam Hussein in seinen letzten Lebensminuten mehr Würde bewiesen hat als seine Henker, nah und fern. Es gibt Stimmen, die darauf verweisen, dass die Umstände, die zu Saddam Husseins Tod geführt haben, ihn zum Helden und zum Märtyrer gemacht haben.

Hoffnungsvolle Ansätze für die notwendige innerirakische Versöhnung sehen anders aus!

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat Saddam Husseins den Tod durch den Strang als „Meilenstein“ bezeichnet. Welch ein Irrtum, denn es handelt sich nicht um einen „Meilenstein“, sondern nur um einen weiteren Grabstein im Irak. Die Zahl der Grabsteine, die der amerikanische Präsident Bush und seine Administrationshorde von Bush-Kriegern im Irak zu verantworten haben ergeben aneinander gereiht hunderte, wenn nicht tausende von blutigen Meilen, insofern stimmt das Bild vom Meilenstein, aber auch nur insofern.

Die Menschen im Irak sehen sich nach innerer Sicherheit und Frieden, aber am Todestag des Diktators, starben bereits 31 Menschen bei einem Bombenattentat in einem von mehrheitlich von Schiiten bewohnten Viertel Bagdads.

Frieden sieht anders aus!

Aus dem Ende des Diktators kann man viele Lehren ziehen, sollte man viele Lehren ziehen.

Eine zentrale Lehre ist, dass Politik, die sich aus niederen Beweggründen speist, Niemand gut zu Gesicht steht. Dies gilt für demokratisch wie auch für anderweitig legitimierte politisch Aktive im Westen und Osten, im Süden und Norden dieser Welt.

Hinterlist und Hinterhältigkeit werden auch in der Welt ohne Saddam Hussein auf der demokratisch verbrämten Tagesordnung der angeblich größten Demokratien unserer Zeit stehen. Sie werden weiter ihre blutigen Opfer fordern, im scheinheiligen Dienst für den Weltfrieden, im scheinheiligen Dienst für internationale Sicherheit, im scheinheiligen Krieg gegen den Terrorismus, im scheinheiligen Kampf für Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde.

Und die Scheinheiligkeit, sie wird mit der Aura der Gerechtigkeit versehen sein.

Darum kommt keine Freude auf, am Todestag eines Verbrechers, der große Schuld auf sich geladen hat und der von anderen Tätern, die sich noch viel größerer Verbrechen schuldig gemacht haben als er, am Tag des islamischen Opferfestes am 30. Dezember 2006 als vermeintlicher „primus inter pares“ gehenkt worden ist.

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